Lebensmenschen

Die vom Museum Wiesbaden in enger Kooperation  mit dem Münchner Lenbachhaus konzipierte Ausstellung ›Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin‹ beleuchtet die beiden für die Moderne so maßgeblichen  Künstler zum ersten Mal in ihrer privaten wie  künstlerischen Partnerschaft. 

Marianne von Werefkin
Zirkus ⁄ Vor der Vorstellung, 1908-10
Tempera auf Karton, 55 x 90 cm
Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren
Foto: Peter Hirnschläger

 

Alexej von Jawlensky (1864–1941) und Marianne von Werefkin (1860–1938) sind in den Kanon der Kunstgeschichte als eines der wegweisenden Künstlerpaare der Avantgarde eingegangen. Mit der von ihnen 1909 initiierten Gründung der ›Neuen Künstlerver-einigung München‹, aus der zwei Jahre darauf der ›Blaue Reiter‹ hervorgegangen ist, haben sie nicht nur als Vordenkerin (Werefkin) und malerischer Impulsgeber (Jawlensky) dieser Vereinigungen die Moderne vorangetrieben, sondern auch jeder für sich und beide zusammen als Paar einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts geleistet.

Erstaunlich ist, dass ihre gemeinsame Bedeutung bislang lediglich im Kontext dieser Künstlervereinigungen beleuchtet oder in Einzel-ausstellungen gewürdigt wurde, sie aber als private wie künstleri-sche ›Partner‹, die sie über ganze 25 Jahre gewesen sind, noch nie ausdrücklich in einer Schau vorgestellt wurden. In der vom Museum Wiesbaden und dem Lenbachhaus München konzipierten Ausstel-lung werden die individuellen künstlerischen Werdegänge (Sankt Petersburg – München – Murnau – Schweiz) beider Persönlichkeiten verfolgt, zueinander in Beziehung gesetzt und mit den ständig in Veränderung begriffenen privaten Verhältnissen des Künstlerpaars in Verbindung gebracht.

Marianne von Werefkin
Ave Maria, um 1927
Tempera auf Papier auf Karton,75 x 57 cm
Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d´Arte
Moderna, Ascona
Foto: Fondazione Marianne Werefkin

 

Der Begriff ›Lebensmenschen‹ umschreibt treffend die zu keinem Zeitpunkt einfache, aber intensive Beziehung dieser beiden starken Charaktere zueinander. Sie ging weit über eine Partnerschaft im gewöhnlichen Sinne hinaus, gerade aufgrund des gemeinsamen künstlerischen Wegs, den sie – allerdings jeder auf seine Weise – zurückgelegt haben. Selbst nach der endgültigen Trennung 1921 bestand weiterhin eine innere Verbundenheit, ohne dass Jaw-lensky und Werefkin allerdings noch direkten Kontakt pflegten. Noch als sie längst ihre Partnerschaft aufgegeben hatten, blieben sie von höchster Bedeutung füreinander.

Sie waren einander Menschen fürs Leben! Nicht nur für die Jahre der Partnerschaft, die ohnehin nur schwer zu bestimmen sind. Denn kaum einzugrenzen ist bis heute, ab welchem Zeitpunkt sie Bekannte, Freunde, Verliebte, verschworene Partner oder Kollegen waren. Als Jawlensky 17 Jahre nach der ›Trennung‹ im Februar 1938 vom Tod Werefkins erfuhr, habe ihn »die traurige Nachricht … tief erschüttert« und es sei »schwer« gewesen, »ihn zu trösten«. Lily Klee, die Frau des Malers Paul Klee, charakterisierte in ihren Erin-nerungen sehr treffend das Verhältnis der beiden, das »keine Ehe war«, als »erotisch platonische Freundschaftsliebe«. Und besser kann man diese so tragisch einander zugewandten Künstlerschick-sale nicht in Worte fassen. Bis zum 20. Juli haben Sie die schöne Gelegenheit, die ›Lebensmenschen‹ in Wiesbaden zu besuchen, bevor die Schau im Oktober nach München in die Städtische Gale-rie im Lenbachhaus weiterzieht und danach im Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona gezeigt wird.  vh

 

Lebensmenschen Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin
in Kooperation mit dem Alexej von Jawlensky Archiv, Locarno
und der Fondazione Marianne Werefkin, Ascona, 13. März–12. Juli 2020

museum-wiesbaden.de

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