König der Tiere – Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika

Wilhelm Kuhnert, Elefanten, 1917, Öl auf Leinwand, 121.9 × 218.4 cm, JKM Collection®, National Museum of Wildlife Art
Wilhelm Kuhnert, Elefanten, 1917, Öl auf Leinwand, 121.9 × 218.4 cm, JKM Collection®, National Museum of Wildlife Art

Wie kein anderer Maler seiner Zeit hat Wilhelm Kuhnert (1865–1926) die Vorstellung von Afrika in Europa wie auch in den USA geprägt. Als einer der ersten europäischen Künstler bereiste er Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mehrmals die zu dieser Zeit noch weitgehend unerforschte damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika. Die auf diesen Reisen entstandenen Zeichnungen und Ölskizzen der dortigen Tier- und Pflanzenwelt dienten ihm als Vorlagen für monumentale Gemälde, die er nach der Rückkehr in seinem Atelier in Berlin anfertigte. Kuhnert stellte international mit großem Erfolg aus und wurde so zum führenden Interpreten der afrikanischen Tierwelt. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert vom 25. Oktober 2018 bis 27. Januar 2019 mit rund 120 Werken die erste große Retrospektive zum Leben und Werk des Künstlers. Die Ausstellung vereint neben Studien und Gemälden aus europäischen und amerikanischen Museen, Privatsammlungen und dem Nachlass Kuhnerts auch zahlreiche Druck- und Werbegrafiken sowie Publikationen des Künstlers. 

Die Ausstellung beleuchtet Kuhnerts Werk sowohl vor dem Hintergrund der Kunst- und Naturwissenschaftsgeschichte als auch der deutschen Kolonialgeschichte. Der an der Königlich Akademischen Hochschule für Bildende Künste in Berlin ausgebildete Tier- und Landschaftsmaler interessierte sich bereits früh für afrikanische Wildtiere, deren Aussehen und Verhalten er zunächst nur im Berliner Zoo aus nächster Nähe studieren konnte. Zoologische Gärten waren bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Sie spiegelten Erkenntnisgewinn und wissenschaftlichen Fortschritt, Weltneugier und imperialistische Bestrebungen des bürgerlichen Zeitalters. Zeitgleich wuchs der Markt für Tiergemälde und -skulpturen, da die junge, aufstrebende Künstlergeneration des späten 19. Jahrhunderts mit diesem Thema ein Tätigkeitsfeld betreten konnte. Neben formalistischen Aspekten und dem Reiz des Neuen aber trafen diese Kunstwerke auch einen Nerv der Zeit: Besonders Darstellungen von Löwen, Tigern oder Elefanten galten als Sinnbilder für Stärke, Herrschaft und Überlegenheit und vermittelten das Lebensgefühl einer Gesellschaft, die nach ihrem machtpolitischen „Platz an der Sonne“ strebte. Die Vorstellung vom Tier wurde zum Vexierbild des Menschen: Einerseits war das Tier Vorbild natürlicher – und damit ebenso göttlicher wie gesellschaftlicher und politischer – Ordnung, andererseits Wunschbild unbewusster, wilder Freiheit, ein Gegenbild zur bürgerlichen Existenz. Die afrikanischen Wildtiere boten einen freien Assoziationsrahmen für Naturromantik und Exotik.

Wilhelm Kuhnert, Wilhelm Kuhnert beim Malen, 9. September 1911, © Nachlass Wilhelm Kuhnert
Wilhelm Kuhnert, Wilhelm Kuhnert beim Malen, 9. September 1911, © Nachlass Wilhelm Kuhnert

In Wilhelm Kuhnerts Werk klingen Aspekte der Moderne an: das Malen in der freien Natur, die experimentelle Bleistiftzeichnung, der Exotismus, der Wille zur Erkundung ferner Länder und die Reise als Erweiterung des Blick- und Erfahrungsraums, oft verbunden mit Eskapismus und Zivilisationskritik. Beim Malen folgte Kuhnert einem fast wissenschaftlichen Vorgehen und erfasste das Charakteristische der Tiere auf möglichst exakte Weise. Obwohl er kein Biologe oder Zoologe war, zeugen seine detaillierten künstlerischen und schriftlichen Studien von einem Interesse an der afrikanischen Tierwelt, das weit über malerische Fragen hinausging. Seine Tierdarstellungen wurden in zoologischen Büchern wie Brehms Tierleben und in Publikationen des Frankfurter Zoodirektors Wilhelm Haacke ebenso verbreitet wie auf Schulwandbildern. Selbst auf Schokoladenverpackungen der Firma Stollwerck fanden sich Abbildungen seiner Werke. Obwohl Wilhelm Kuhnert bis heute zu den meistgesammelten Malern gehört, ist sein OEuvre einer großen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Die Ausstellung König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika wird vom Gemeinnützigen Kulturfonds Frankfurt RheinMain gefördert.

„Wilhelm Kuhnert gehört zu den herausragenden Malern und Zeichnern seiner Zeit. Kuhnerts Bilder sind nicht nur Spiegel wie Mittel der Kunst- und Naturwissenschaftsgeschichte, sondern auch der Kolonialgeschichte. Wenn die Schirn Kunsthalle Frankfurt also nunmehr Wilhelm Kuhnert die erste Retrospektive überhaupt widmet, dann nicht trotz, sondern eben wegen jener ‚großen weißen Flecken‘, die Kuhnert in der Ferne suchte – und die heute noch in unserer kollektiven Erinnerung bestehen. Diese Geschichte, die wir erzählen wollen, lehrt uns so manches über die Mechanismen von Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, Gedenken und Vergessen – und in all dem über uns selbst“, so Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt und zugleich Kurator der Ausstellung.

Dr. Ilka Voermann, Kuratorin der Ausstellung erläutert: „Indem er sich in seinen Gemälden auf die Tier- und Pflanzenwelt beschränkt, stellt Wilhelm Kuhnert Afrika nicht als kulturellen, sondern als Naturraum dar. Es ist ein Naturraum, der vermeintlich keine eigene Geschichte hat und damit frei für Interpretationen und Sehnsüchte ist. Kuhnerts Werke sind nicht nur bloße Abbildungen afrikanischer Natur, sondern er eignet sich den Naturraum an und füllt ihn mit westlichen Vorstellungen und Werten. Diese koloniale Ästhetik und Darstellungsstruktur ist bis heute in zahlreichen Medien präsent. Von Tierreportagen, Spielfilmen, Filmplakaten über Buchcover bis hin zur Werbung im Tourismus wird sich eines auf die Natur- und Tierwelt beschränkten Afrika- Bildes bedient, das die angebliche Ursprünglichkeit und Naturhaftigkeit des Kontinents betont. Kuhnert hat diese konstruierte Vorstellung von ‚Afrika‘ auf vielen Ebenen und in verschiedenen Medien mitgeprägt.“

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