›Erschreckende Distanz zur Natur‹

Dirk Becker traf Dr. Bernd Herkner, den neuen Direktor des Naturhistorischen Museums Mainz, kurz vor der Neueröffnung zum Gespräch.

Foto: Sven Tränkner
Foto: Sven Tränkner

Lieber Herr Dr. Herkner, Glückwünsche zum neuen Job als Direktor des Naturhistorischen Museums in Mainz. Welche wichtigsten Aufgaben stellen sich Ihnen hier? Was wird anders?

Im Moment bin ich hauptsächlich mit der Fertigstellung der neuen Ausstellungsbereiche und der Wiedereröffnung am 27. September beschäftigt. Ich habe das Projekt Umbau des Museums, das von der Stadt Mainz zusammen mit den Baumaßnahmen an der Anne-Frank-Realschule mit 8 Millionen Euro finanziert wurde, von meinem Vorgänger übernommen. Mir bleibt jetzt nur noch die Fertigstellung. Aber auch das ist noch viel Arbeit, vor allem, wenn man sich erst an die neue Institution gewöhnen muss. Nach der Wiedereröffnung geht es dann an die Neukonzeption der noch nicht umgestalteten Ausstellungsbereiche im Kirchenschiff. Gleichzeitig möchte ich die Sichtbarkeit des Museums erhöhen.

Das Museum ist eine Bildungseinrichtung unserer Gesellschaft und ihren demokratischen Grundwerten verpflichtet. Das Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln eines gemeinsamen, naturwissenschaftlichen Erbes und seine Weitergabe an nachkommende Generationen sind die Kernaufgaben. Wie schafft man es in immer digitaleren Zeiten als Museum mit naturwissenschaftlichem Erbe auf sich aufmerksam zu machen und Menschen für dieses Sammeln und Bewahren zu begeistern?

Das eine ist unser Bildungsauftrag, das andere ist die Bedeutung unserer Sammlung. Naturkundliche Sammlungen sind Datenbanken der Natur, die in einer Zeit des massiven Artenrückgangs immer bedeutender werden. Mit den Naturobjekten unserer Sammlung können Entwicklungen in der Erdgeschichte rekonstruiert werden, die uns Informationen über Prozesse geben, mit denen wir zukünftige Tendenzen, wie Klimawandel und Folgen des Artensterbens extrapolieren können. Zudem geben Naturobjekte aus historischer Zeit Auskunft über Populationsdynamik und Verbreitung von Tier und Pflanzenarten, die wichtig sind, um Vorhersagen für die Zukunft zu treffen. Das an eine breite Öffentlichkeit, direkt über die echten Sammlungsobjekte zu vermitteln, sehe ich als unsere Kernaufgabe.

Unser Titelthema heißt ›Stadt, Land, Fluss‹, weil wir glauben, dass in dieser Verbindung von Urbanem und Natur ein Mehrwert entsteht. Auch Ihr Museum will den Respekt vor der Vielfalt der Natur sowie das Verständnis für die gemeinsame Geschichte von Mensch und Natur fördern. Warum ist das offensichtlich so schwierig geworden?

Zum einen sehen wir ein stark gestiegenes Interesse vor allem unter den Jugendlichen an Naturschutz und nachhaltigem Verhalten, denken Sie an die Friday-for-Future-Demonstrationen. Zum anderen stellen wir insbesondere bei der urbanen Bevölkerung eine erschreckende Distanz zur Natur fest, die das Leben eher digital als analog erlebt. Dass der Verlust von Arten weitreichende Folgen haben kann, ist eigentlich schon lange bekannt. Denken Sie zum Beispiel an das Lied des Kabarettisten Franz Hohler ›Der Weltuntergang‹ von 1974! Dabei geht es um die Auslöschung einer Käferart, deren Folgen sich schließlich bis zum Weltuntergang hochschaukeln. Es ist offenbar kein neues Phänomen, dass die Fakten ignoriert werden. In der Tat ist es ein weiter Weg, von einer Erkenntnis bis zum Handeln zu gelangen.

Museen gelten oft als elitär und sprechen nur kleine Zielgruppen an. Wie sehen Sie die Zukunft in der Kommunikation?

Ich glaube, auf Naturkundemuseen trifft das eher nicht zu. Wir haben stattdessen mit dem Ruf zu kämpfen, eine Einrichtung zur Bespaßung von Kindern zu sein. Dabei halten wir mit unseren Sammlungsobjekten Daten vor, die noch für Generationen relevant sein werden, selbst wenn wir in vielen Fällen noch gar nicht wissen, welche Informationen in den Stücken verborgen sind. Wer hätte vor 50 Jahren vermutet, dass man aus Sammlungsmaterial ganze Genome analysieren kann, um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen?! Diese Bedeutung gilt es zu kommunizieren und zwar der gesamten Gesellschaft. Hierbei hört das Museum nicht an seinen Mauern auf.

In der Wissenschaft spricht man nun vom Anthropozän, einem menschgemachten Zeitalter. Denn der Mensch greift seit Beginn der Industriellen Revolution vor rund 200 Jahren so massiv in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ein, dass die Auswirkungen noch in 100.000 bis 300.000 Jahren zu spüren sein werden. Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Angst nicht, aber berechtigte Sorge. Die Daten, die wir haben, sind erdrückend. Jeder spürt bereits die Folgen des Klimawandels, aber es wird kräftig weiter gemacht. Dabei wäre die Situation auch ohne den Klimawandel beängstigend. Katastrophal sind die Folgen des rasanten Biodiversitätsverlusts, der auch ohne Klimawandel vor allem durch intensive Landnutzung und Schadstoffe in der Umwelt verursacht wird. Hier müssen wir dringend handeln. Jeder kann etwas dafür tun und wenn es nur im eigenen Garten oder im Einkaufsverhalten ist. Ich hoffe, dass es noch nicht zu spät ist.

Herr Dr. Herkner, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns sehr auf die Neueröffnung des Naturhistorischen Museums.

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Naturhistorisches Museum Mainz

Reichklarastr.10,
55116 Mainz
, 06131 122626
Eröffnungswochenende unter dem Motto ›Wilde Welten im Naturhistorischen Museum Mainz‹ am 27.–29. September 2019. Mit Themenstationen wie Ammoniten gießen, Streetfoodmarkt, abendlicher Lichtinszenierung und Musik von ›la route du bonheur‹.

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