Unaufgeregt, Echt und vor Ort

VivArt im Gespräch mit Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gastronomieverbandes DEHOGA Hessen. Seine Einschätzungen über die Chancen des Gastgewerbes während und nach Corona und über Wertungswidersprüche, die den 180.000 Berufstätigen in der Branche allein in Hessen das Leben schon vor dem Virus schwer machten.

Herr Wagner, seit fast zwei Jahren leben wir mit Corona.  Was macht das mit der Gastronomie?

Gastronomie ist Begegnung, soziales Miteinander, Lebensfreude und Genuss. Hotellerie zudem steht für Mobilität. Nicht nur für das Reisen, sondern für Bewegungsfreiheit in vielerlei Hinsicht, auch mit Blick auf unser Wirtschaftsleben. Durch den Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus findet sich die gesamte Branche im Zentrum eines Spannungsfeldes wieder, das den Gastronomen viel abverlangt. Zur Existenznot gesellt sich unweigerlich das Gefühl, das Gastgewerbe gelte in unserer Gesellschaft nichts. Während das Aufrechterhalten der Grundversorgung zur Zeit des Lockdowns als wichtig erachtet wird, fehlt es nachvollziehbarerweise am Verständnis für großzügige Regelungen zugunsten von Fitnessstudios oder Baumärkten gegenüber einer rigorosen Schließungspolitik zulasten der Hotels und Restaurants. Es gilt, das Prinzip ›Wir bleiben zu Hause‹ umzusetzen; klar, dass das Gastgewerbe fundamental betroffen ist. Die Wertungswidersprüche, nicht etwa Missgunst, lasten hingegen schwer auf dem Selbstverständnis einer Branche, die zu Hessens großen Arbeitgebern zählt.

Müssen wir uns damit abfinden, dass viele tolle Gastronomien die Krise nicht überstehen werden?

Nein. Einerseits gibt es schon aus rechtlichen Prämissen her-aus keinen Grund, sich mit der billigenden Inkaufnahme durch Betriebsschließungen verursachter Insolvenzen abzufinden. Auf der anderen Seite haben Bundes- und Landesregierung seit Beginn der Coronakrise Wirtschaftshilfen, die genau das verhindern sollen. An der ständigen Verbesserung dieser Hilfen, der Beseitigung von Förderlücken und der Ausweitung der Programme, ich denke hier auch an die November- und Dezemberhilfen, haben wir erheblichen Anteil. Es gibt Betriebe, die dieser Krise dennoch nicht standhalten. Dafür gibt es regelmäßig nicht nur den ›einen‹ Grund. Nehmen wir einmal die Unternehmen gedanklich beiseite, bei denen es ggf. zutrifft, dass sie prinzipiell ›schlecht aufgestellt‹ waren und daher kollabieren, die nicht über ausreichend Polster,  d. h. Rücklagen, Substanz und Unterstützung ihrer Vertragspartner, verfügen, weitaus bedeutender. Diese Betriebe machen nämlich etwas anderes deutlich: Die Dienstleistungen in Hotellerie und Gastronomie werden in unserem Land zu gering geschätzt, und das heißt: geringe Preisakzeptanz. Das gilt für jeden Gast, der einfach abends essen geht, in einer anderen Stadt übernachtet, wie insbesondere auch die Firmen und deren Reisekosten-Policy. Die Kostenbelastungen eines Restaurant- oder Hotelbetreibers sind in den vergangenen Jahren mit den bürokratischen Auflagen zusammen überproportional gestiegen. Die Preise hingegen nicht. wenn sie steigen, ist der Sturm der Entrüstung der Verbraucher groß. Durch die Krise können wir für einen Moment verdeutlichen, wohin das führt. Und schließlich: Es leben 180.000 Menschen in Hessen vom Gastgewerbe. Es sollte es uns allen wert sein, dass diese Menschen einen angemessenen Lohn verdienen.

Helfen to-go und Gutscheine oder verlagern diese das Problem bloß in die Zukunft?

To-go-Geschäft findet jetzt statt und ist oder war für viele wichtig, um im Kontakt mit ihren Gästen zu bleiben. Es konnte nie den Gesamtumsatz ersetzen. Gutscheine aber verschieben natürlich alles in eine Zeit, in der gerade das dann anliegende Geschäft umgesetzt werden muss. Sie können dem Marketing, vor allem derer, die kein Außer-Haus-Geschäft machen oder gemacht haben, dienen. Hier überlegt sich jeder das für ihn stimmige Konzept. Und im Rahmen dessen werden sie eingesetzt oder auch nicht.

 

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Gasthaussterben in Hessen ist eines der Themen, das die DEHOGA als Herausforderung begreift. Was ist Ihnen an diesem Kulturgut so wichtig?

Gasthäuser und vor allem die Familien, die sie betreiben, sind ein Stück unserer Heimat. Sie schaffen Orte und Momente der Begegnung, die in einem globalisierten Marktumfeld einzigartig und durch Persönlichkeiten, Geschichte und Kultur unverwechselbar sind. Ob als Einheimischer oder als Tourist, wir suchen das Gast-haus, das für die Region steht: unaufgeregt, echt und nur vor Ort zu finden. Deshalb schlägt unser aller Herz für diejenigen, die ihre Leidenschaft und ihr Leben solchen Häusern widmen.

Hätten Sie einen Wunsch frei, dann …

Dann wünsche ich mir, dass das Gastgewerbe selbstbewusster und stolzer aus der Krise hervorgeht und dass die Menschen es im Kern unseres Zusammenlebens würdigen als das, was es ist: der Mörtel, der unseren geprüften und viel beschworenen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu festigen in der Lage ist.

Herr Wagner, danke für Ihre Antworten! 

 

 dehoga-hessen.de

 

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