Seidenhaut des Südens

Warum nur immer in die Pfalz fahren? Mehr und mehr Genießer entdecken die stillen und in ihrer Abgeschiedenheit authentisch gebliebenen Winkel von Flörsheim-Dalsheim, schätzen die finessenreichen Weine von hier, die den Geschmack eines 30 Millionen Jahre alten Urmeers förmlich in sich aufzusaugen scheinen. Manfred Lüer über ein kulinarisches Kleinod und coole Kalksteinriffs die im pittoresken Zellertal erklingen.

Seidenhaut

›Guggen’se mol uff die Dafel! Odder oofach emol frooe!‹, so lautet das Credo in der ›Alten Brennerei‹in Mölsheim. Und es wird gehalten: mit wöchentlich wechselnden, saisonalen Spezialitäten im urigen Ambiente bei einer herzlichen Wohlfühlatmosphäre. Gerd Göhring und seine Frau Judith Seidel-Göhring haben der heutigen Gutsschänke, die zum Kloster Hornbach gehörte, in rund 3.700 Arbeitsstunden neues Leben eingehaucht. Dieselbe Hingabe beweisen sie bei ihren leckeren Speisen: grundgut, bodenständig und fein aufs Wesentliche beschränkt. Die Zutaten sind immer knackfrisch: Gemüse, Kräuter und Salate sind, wenn es die Saison erlaubt, eigens angebaut und zubereitet. Das Steinofenbrot backen sie selbst. Hier speist man herzhaft Zellertaler Munkelteller, freut sich über Omas Kotelett auf dem Zwiebelbett. Und Gerd Göhrings Weine dazu, auch aus roten internationalen Sorten, begeistern nicht nur Genießer wir mich. Nur vorzeitig telefonisch reservieren sollte man! Kategorie: weinkulinarisches Kleinod!

Solch ein Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch Gerds Neffe, Arno Göhring, setzt den  Frischekick in der Region fort. Mit einer genialen Scheurebe und langlebigen Spätburgundern, die selbst im Jahrgang 2015 Transparenz, Zug und Delikatesse bieten. Bei den weißen Burgundersorten hat Arno Lebendigkeit und Ausdruckskraft gesteigert, den Grauburgunder souverän entfettet. So arbeitet Arno die in sanften Schmelz eingebettete zarte Exotik noch eleganter heraus. Dazu sind hier die Aroma-Rebsorten und etwa der gelbe Muskateller eine echte Bank! Am meisten bezaubern mich jedoch die trockenen Rieslinge ›Urgestein‹, ›Bürgel‹(von in 1957 gepflanzten Reben!) und ›Frauenberg‹. Der Clou ist: Gereifte Jahrgänge mit steiniger Tiefe sind noch erhältlich; etwa der großartige 2008er Frauenberg. Das macht Lust auf mehr Entdeckungen, die man am besten direkt in Göhrings neuen, urgemütlichen Gartenausschank an der B 271 macht: Einkehr in der›Weinkehr‹auf eine Leckerei und einen lässigen Schluck vom eleganten Weißburgunder.

Seidenhaut

Jeder ist seines Glückes Schmied – Matthias Zink macht seiner Familientradition alle Ehre. Generationen vor ihm arbeiteten in ihrer Hufschmiede, bauten peu à peu auch das Weingut auf. Matthias machte mit seiner Frau Sybille daraus eine Schmiede des guten Geschmacks. Das ›Hufeisen‹ steht für Weine des täglichen Glücks: schwungvolle, lässige, souveräne Weiße mit hohem Spaßfaktor. Beim ›Amboss‹ tritt Komplexität hinzu: saftig-heiteren Riesling, gebündelten Grauburgunder, gelbfleischig-eleganten Weißburgunder, gekrönt von der geschmeidig-roten Cuvée ›Werkstück‹. Alles flüssige Appelle an die Lebensfreude. Und der ›Hammer‹ ist als Qualitätssiegel wörtlich zu nehmen: intensiv und individuell als Riesling aus dem berühmten Hubacker; entschlossen-cremig schmeckt der Chardonnay mit mineralischer Feinheit. Und im Inneren der kalibrierten Spätburgunder aus der Steig glüht förmlich die Esse. Man soll das Eisen nun mal schmieden, solange es heiß ist – Zinks Weinschmiede hat einige ganz heiße Eisen im Feuer.

Gelassen sein, locker, lässig – nur weg vom Schlichtwein. Jedoch darf das Temperament auch brennen – für klassische Sorten und Weine, deren Lächeln ansteckend ist. Der Steigerhof bietet Herzblutweine und großartiges Ambiente in den Weinbergen von Dalsheim nebst wunderschöner, stylisher Vinothek und einer sehenswerten Panoramaterrasse. Die Ansprache ist herzlich, warm und ohne übertriebenen Schnickschnack. Bärbel und Ulrich Uhinck schätzen es fruchtig-frisch bei Riesling, Silvaner und weißen Burgundersorten, die sie als Handschrift stets schwungvoll-klar und zart-mineralisch unterlegen. Die Roten gelingen  hier kalibriert und dicht und sind ebenfalls das glatte Gegenteil von aufgesetzt oder kurz. Fruchtzwerge lassen Ulrich kalt. Auch beim Chardonnay schöpft er das ganze Füllhorn aus, dies aber immer wohltuend unverkrampft. Charme, Trinkfreude und Lebenslust locken mit einer ungeheuren Fülle an ehrlicher Fruchtaromatik!

Auch Jochen Becker schätzt dieFrucht im Wein. »Nurmöchte ich damit nie zu dick auftragen.«Tatsächlich entfalten Jochens Weine eine riskante Sogwirkung. Die beginnt schon beim herrlich unverkrampften Spring-an-den-Gaumen-Gutssilvaner und dem Zum-Reintrinken-saftigen-Weißburgunder – bei jeweils nur rund elf oder elfeinhalb Volumenprozent Alkohol! Dazu eine geniale Cuvée aus Gelber Muskateller und Muskat Ottonel: Beim Genießen sehe ich sizilianische Orangen förmlich wachsen in Dalsheim. Volle Schubkraft bei fester, delikater Statur entfaltet der Weißburgunder von rund 50 Jahre alten Reben: gelbe Früchte, geröstete Nüsse, Vanilleblüten und Salzigkeit. Rote Klassiker sind Spätburgunder oder auch St. Laurent mit intensiver Weichselkirschfrucht und ungezähmten Noten von Speck und Leder. Toller Stoff auch beim Riesling. Der ›Hubacker‹ist komplex, nuanciert, langlebig, geschliffen und der ›Brummelochsenboden‹packend, fordernd, kantig. Gereift und herrlich nach Feuerstein duftend. Die pure Seidenhaut.

 

Flörsheim-Dalsheim schenkt ein! Am 27. und 28. April präsentieren sich rund 25 hiesige Weingüter und haben für die zahleichen Genießer geöffnet.

www.alte-brennerei-moelsheim.de
www.mueller-dr-becker.de
www.goehring-wein.de
www.steigerhof.com
www.weingut-zink.de

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