Sanftmut in Zornheim

Sanftmut ist eine Tugend. Mild und nachsichtig sein, verzeihend, auch sich selbst gegenüber. Aber es braucht auch Mut, Dinge anzupacken und dabei gelassen zu sein. Und dies an einem Ort zu leisten, der paradoxerweise Zornheim heißt.

Fotos: Jason Seller

Es ist ihr Berg, es ist ihr Ding. Julias Rock: Miss Liberty. Oder Lady in red! Feurige Mähne, Tattoos, neugieriger Blick in funkelnden Augen. So jemand hat Starappeal. Aber den hat auch Julias Berg! Unverbrauchte Frische, wunderbar gezügelte Kraft kommen von hier: zart nussig im Herzen und am Gaumen mit salziger Spur.

Das hat Kern, das hat Zug. Wie der geschmeidige Weißburgunder mit Muckis und präziser Kraft, der souverän der wabbligen Fruchtschnitte trotzt. Steinobstgeflüster, japanische Yuzu, kandierte Zitronenhaut: ein Weltbürger, der hier zum Heimatwein wird! Allein für diesen 2019er Zornheimer Weißburgunder hat sich Julia Schittlers Schufterei am Berg gelohnt. Im Rebenmeer Rheinhessens ragt der Zornheimer Berg mit über 240 Metern über N. N. auf wie eine Weininsel, unter der Krume ein schillerndes Kaleidoskop von Lehm bis Kalk. Windoffen und auch etwas kühler ist es hier, die Beeren können lang und gesund ausreifen. Selbst ein simpler Grauburgunder von hier setzt ein Affront gegen die Infantilisierung des Geschmacks. Vielmehr packt er mit seinem Fruchtspiel ohne Botox-Holzigkeit oder Bum-Bum-Alkohol. Dafür reife Cavaillon-Melone, köstliches Birnen-Chutney, zarter Zitruszug und etwas Mirabellentarte. Ein flüssig gewordener Albtraum für Etikettentrinker, die Grauburgunder für sinnlos schwabbelig-schmelzendes Süffelzeug halten. Weit gefehlt, der Zornheimer 2019 hat scharfe Konturen, erdig-packende Würze und seidig-süße Frucht. Entfettet, wohltuend weinig und ohne dieses obligatorische Vanillekipferlim Nachhall! »Man sieht mir immer an, wenn mir etwas gefällt oder nicht passt«, erklärt Julia Schittler. »Ich bin selbstkritisch und arbeite hart, bis ich letztendlich zufrieden bin. An meinen 2019er-Weinen erkennt man aber, dass ich eine sehr warmherzige, lebendige und frohe Person bin.« Eine so wunderbar grasig-gelbe Frucht, aber auch die Akribie darin imponieren am Zornheimer Sauvignon blanc 2019, der mit leisen, zarten Tönen überzeugt. Da ist nichts Affektiertes oder gar Parfümiertes wie so oft bei dieser Sorte. Mehr weiße Johannisbeeren statt Cassis-Überschwang, mehr Heuduft und Noten von frisch geschnittenem Gras als penetrante Paprika. Dazu duftige Melone, nuancierte Würze, auch kandierte Zitrusfrucht.

 

Foto: Jason Seller
Foto: Jason Seller
Foto: Jason Seller

Ein Wein wie ein Falter. Und dies bei sensationellem Preis-Genuss-Verhältnis. Für mich sind die 2019er bis dato Julia Schittlers beste Weine! Dabei erreichte sie diesen markant hinfließenden Schmelz schon immer. Ihr Silvaner ›Guldenmorgen‹ ist souverän vom Naschwerk befreit und zartcremig eingehüllt in rauchig aufblitzenden Feuerstein. Auch der 2018er Pinot blanc und der Gottesgarten-Pinot-noir 2018 (jeweils aus dem Guldenmorgen) packen zu. Selbstredend keltert die Winzerin auch weinig inspirierte Sektlust und einen Guldenmorgen-Riesling aus Selzen, der so schmeckt, als hätte jemand etwas Fleur de sel auf eine kandierte Zitronenscheibe gestreut. Mich berühren aber die leise unaufgeregten und feinen Weine aus dem Zornheimer Berg mehr. Denn es gibt auch diese Julia: extrovertiert und energiegeladen, ungeschminkt und nachdenklich. Das finde ich in ihren lässigen 2019er-Bergweinen am besten eingelöst, deren Aromen voller Wagemut etwas Neues erproben. Zornheim, der Ort selbst, wirkt da schon paradox. Erfrischend herbe Holunderblüte, Limettenschale, Sandelholz und Muskatnuss. Der feinherbe Zornheimer Gelbe Muskateller 2019 ist unverwechselbar aromatisch und asiatisch inspiriert. Federleicht im Alkohol, beschwingend in der Restsüße, glasklare Frucht und unverschämt lecker. Eigenständig und auf entwaffnende Weise charmant wie seine Schöpferin!

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Vereinigte Weingüter Schittler & Becker

Hahnheimer Straße 30,
55270 Zornheim
, 06136 447 90

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