Blinded by the lights

Benjamín Labatut: Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft.

Wir haben keinen Schimmer von Antimaterie, Quantenmechanik oder der abc-Vermu-tung, aber Benjamín Labatut beschreibt die vier ›Irrfahrten der Wissenschaft‹ in dieser Sammlung ohne Arroganz und stets um Zugänglichkeit bemüht. Am meisten beein-druckt uns die Physiologie der Denkapparate Einsteins, Schrödingers, Grothendieks und Heisenbergs; deren bizarre Martern, die hinter ihren eleganten Formeln anschaulich in Wahn, Vision und Erleuchtung werden. Selbst wenn Werner Heisenberg sich sprich-wörtlich ›die Augen ausreißen‹ wollte, um Zeit und Ort von Elektronen vorherzusehen. Man muss den genialen Hirnen nie an ihren Horizont folgen und die zeitgeschichtlichen Bezüge, die der junge Chilene herstellt, sind frappierend: Schon die erste Geschichte über das Preußischblau, das als erstes synthetisches Pigment brav als Malmittel begann und sich dann auf den Ziegeln der Gaskammern als blauer Film niederschlug, weil es im Zyklon B der Nazis enthalten war — das ist die enzyklopädische Manier, die wir auch an W. G. Sebald geschätzt haben. Wir hoffen, der Suhrkamp Verlag wird auch die früheren Romane Labatuts ins Programm nehmen!

Benjamín Labatut: Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft.  Suhrkamp Verlag. 188 Seiten. ISBN: 978-3-518-42922-8. 22 EUR

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