No bees, no Bembel

Von Blüten- und Bestäuberökologie, dem Wert von Ökosystemleistungen und ihrer didaktischen Verpackung in der Vermittlungsarbeit des Palmengartens. Eine Gesprächsrunde mit Direktorin Dr. Katja Heubach und Dr. Kerstin Bissinger.

Fotos: Oana Szekely

Frau Dr. Heubach, wir möchten unser Gespräch aus der Herbstausgabe zur Nachhaltigkeit in dieser Ausgabe vertiefen. Sie möchten mit uns über Ökosystemleistungen sprechen. Was ist

damit konkret gemeint? 

 

KH Mit Ökosystemleistungen bezeichnen wir die Leistungen der Natur, die wir als Menschen und jeden Tag selbstverständlich nutzen. Natürlich nutzen auch alle andere Spezies auf der Erde die Leistungen der Natur – und erzeugen sie mehrheitlich! –, aber das Konzept der Ökosystemleistungen ist bewusst anthropozentrisch gestaltet, um deutlich zu machen, dass die Menschheit ohne diese

Leistungen nicht existieren könnte. 2005 haben rund 1.000 nationale und internationale Wissenschaftler*innen im Auftrag der Bundesregierung einen umfassenden Report über den Zustand unserer Ökosysteme und deren Leistungen erstellt und diese in vier grobe Kategorien eingeteilt: versorgende Leistungen, unterstützende, regulierende und kulturelle. Bei den Versorgungsleistungen handelt es sich um Leistungen, die wir direkt ›konsumieren‹, etwa Holz, frische Luft, sauberes Wasser. Die wiederum ihrerseits auf den unterstützenden Dienstleistungen beruhen: Ohne die Fotosynthese der Algen und höheren Pflanzen wäre kein auf Sauerstoff angewiesenes Leben möglich, also auch unseres nicht. Wir vergessen nur allzu leicht, dass unsere Existenz maßgeblich von einem Nebenprodukt der Fotosynthese abhängig ist. Auf Chlorophyll und Sonnenstrahlung bauen alle höheren Lebensformen und Nährstoffkreisläufe auf. Genauso wichtig sind auch die regulierenden Funktionen; etwa die Klimaregulation durch Wälder, aber auch deren kleinere Kopien in der Stadt in Form von Grünflächen. Da kommt natürlich auch unser Palmengarten ins Spiel. Der punktet vor allem mit der vierten Kategorie, den kulturellen Leistungen von Ökosystemen. Dazu zählen Naherholung und Naturerfahrung in der Stadt und auch das Gefühl von Heimat und Spiritualität. Über die kulturellen Leistungen von Ökosystemen kann man auch die besten Geschichten erzählen, da findet Bildung – und Identitätsbildung – statt. Was löst es in mir aus, durch so ein grünes Kleinod wie den Palmengarten zu wandeln?

 

 

»Nahezu alle Ressourcen der Erde sind mittlerweile ›unter dem Hammer‹, alles ist in Verhandlung.«

Zeichnung: Daniela Kim

An sich ist der Begriff der Ökosystemleistung nicht neu ...

 

KH Stimmt, er wurde bereits in den 1980er-Jahren von der Landschaftsplanung geprägt, um einen eindeutigeren Appell an nötige Verhaltensänderungen zu formulieren. Heute können wir Ökosystemleistungen nicht nur quantifizieren, sondern auch in Wert setzen, also monetär erfassen. Die Idee dahinter ist, die geldwerten Leistungen der Natur in gängige Kosten-Nutzen-Rechnungen einfließen zu lassen, um die Realität besser abbildende Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel bezüglich der Umwandlung einer natürlichen Fläche zu einem Industriegebiet, einem Flughafen, einer Wohnfläche etc. Nehmen wir nur die Bautätigkeiten in Flussnähe, die meist eine Versiegelung der natürlichen Auenlandschaft und Deichbau voraussetzen. Reduziert wird damit die Wasserrückhaltefunktion der Aue. Tritt nun der Fluss über die Ufer, kann das Wasser nicht mehr ausreichend versickern. Die Folgen sind uns alle bekannt: überflutete Keller und Schlimmeres. Die Wiederherstellung produziert enorme private und öffentliche Kosten. Der Ansatz der Ökosystemleistung beziffert nun den Wert der natürlichen Funktion der Aue, etwa über die technischen Kosten für Deichbau und Instandhaltung oder indirekt die Versicherungsschäden. Welche Kosten wären nicht entstanden, wenn man statt in zehn Metern Nähe zum Fluss erst in hundert Metern Entfernung gebaut hätte? Ein anderes Beispiel: Was kostet die Bestäubung, die die Bienen und zahlreiche Wildbienenarten in einem intakten Ökosystem umsonst für uns verrichten? In China oder Südkorea wird heute schon umfangreich von Hand bestäubt, weil die natürliche Bestäubung durch das Bienensterben nicht mehr ausreicht. Das ist außerordentlich kostspielig!

 

800 Millionen Menschen leiden Hunger, die Ressourcen genügen schon lange nicht mehr, das Potenzial ist offenbar ausgeschöpft.

 

KH Das Konzept der Ökosystemleistungen will hierzu als Instrument einen Beitrag leisten, für bessere Entscheidungen in der Zukunft, also für die Auenlandschaft wie in unserem Beispiel. Aber natürlich gibt es auch Wohnungsnot und Flächen wie den Grüneburgpark oder den Botanischen Garten, das weckt Begehrlichkeiten. Wir wollen alle Platz zum Wohnen, aber wir wollen auch gesund wohnen und dafür brauchen wir das Grün in der Stadt. Allein der biophysische Wert des Palmengartens für die Stadt Frankfurt ist enorm. Er leistet einen wesentlichen Beitrag zur physischen und psychischen Gesunderhaltung der Bürger*innen Frankfurts. Am Ende geht es darum, die verschiedenen, gleichzeitig bestehenden Interessen und Ansprüche miteinander zu konsolidieren und bestinformierte Entscheidungen zu treffen. In diesem Jahr haben wir im Palmengarten unser erstes Leitthema ausgerufen: Blüten- und Bestäuberökologie. Darüber versuchen wir Geschichten zu erzählen, welchen Nutzen die Ökosystemleistung Bestäubung für uns Menschen – und viele andere Spezies – hat, um eine Begründung zu geben, warum man diesen Service erhalten und schützen muss. Unser Leitspruch dazu heißt denn auch: ›No bees, no Bembel!‹. Wenn ich also Stöffchen im Bembel haben will, muss vorne das Bienchen schuften ... können. Eine eindeutige Kausalität, die auch einen Kernauftrag des Palmengartens, den Insektenschutz, vorausnimmt. Durch richtige Bepflanzung, durch Luftreinhaltung, durch Pestizidvermeidung. Die Wildbienen stellen wir dabei besonders heraus, denn die vergessen wir oft im Hype um die Honigbiene. Hier sind wir aber schon weit in der Vermittlungsarbeit des Palmengartens, um die sich unter anderem meine Kollegin Dr. Bissinger kümmert.

 

KB Wichtig ist es, die Menschen direkt zu erreichen und ihnen individuelle, realistische Möglichkeiten zum nachhaltigen Handeln aufzuzeigen. Ein Beispiel sind die Gartentipps in der Dauerausstellung. Wir vermitteln Wissen und konkrete Handlungsoptionen: wie man Bienenweiden anlegt, welche Pflanzen auf dem Balkon wachsen sollten, warum die Brennnessel als Kraftfutter für die Raupen vieler Schmetterlinge in den Garten gehört. Wissen allein führt gewiss nicht zum Handeln, wenn man keinen persönlichen Bezug herstellt. Diese Wissen-Verhaltens-Lücke füllen wir durch unsere Art der Vermittlung. Es wird emotional, wenn man sich in unserem schönen Schmetterlingshaus umschaut oder draußen auf den Bestäuberwiesen, auf denen es summt, brummt und blüht. Wir informieren nicht nur, sondern fördern auch Kompetenzen. Die Zeiten extrinsischer Motivation oder Katastrophen-Vermittlung sind vorüber, es bringt wenig, den Menschen nur Angst einzujagen. Das aktiviert nicht. Wir arbeiten nach den Grundsätzen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Hierbei sollen im Hinblick auf unser Leitthema Wertschätzung und Bindung zu Pflanzen und ihren Bestäubern entstehen. Wir fördern eine intrinsische Motivation, schaffen eine persönliche Bezugsebene durch die Ästhetik unserer südamerikanischen Schmetterlinge sowie das Erleben und Begreifen vom Zusammenspiel zwischen Schmetterlingen und Pflanzen im neuen Haus. Manche wollen dann auch im eigenen Garten oder auf dem Balkon etwas dazu beitragen, ein Insektenhotel oder Nisthilfen für Singvögel. Für andere sind es bewusstere Kaufentscheidungen, die einen Beitrag zur biologischen Vielfalt leisten. Es gibt die drängenden globalen oder politischen Aufgaben, aber auch jede*r einzelne Besucher*in des Palmengartens kann etwas in seinem Alltag bewirken. Das macht Mut, die Welt ein Stückchen besser zu machen.

 

KH Noch einen Aspekt, den ich als Schlusswort einbringen will, ist das informelle Lernen. Ich suche, so oft es geht, einen neuen Platz im Palmengarten für meine Mittagspause. Ich informiere mich im Laufen an den Schautafeln, lasse mich nieder, beobachte und lerne, was ich – auch als Biologin, aber eben meistens am Schreibtisch – nicht wahrgenommen hätte. Ich muss mir die Zeit nehmen, aber ich kann mich hier kontemplativ in der Natur aufhalten. Das machen viele Frankfurter*innen in der Mittagspause genauso wie ich und sie erleben dabei, wie schützenswert und ästhetisch sogar die Brennnessel ist – ganz nebenbei.

 

Wir sollten wirklich alle viel mehr Zeit in der Natur verbringen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Palmengarten der Stadt

Siesmayerstraße 63,
60323 Frankfurt am Main
  • Mo-So 9–19

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