Naturlauscher

Klangspuren im Palmengarten – damit überrascht das Frankfurter Gartenparadies zu seinem 150-jährigen Bestehen. Kannten wir den Palmengarten sonst als Ort, der mit seiner opulenten Botanik unseren Seh- und Geruchssinn erfreut, wird nun in diesem nicht ganz einfachen Jubiläumsjahr auch unser Gehör bezaubert. Mit den ›Transformationen‹ von Lasse-Marc Riek.

Lasse-Marc Riek, Jahrgang 1975, ist freischaffender Klangkünstler und ein Naturforscher mit ganz spitzen Ohren. Seit 2000 ist er mit Ausstellungen, Konzerten, Lehraufträgen und Projekten international tätig und hat in Galerien, Künstlerhäusern und Museen gastiert. Zum zweiten Mal wird er nach ›Sound Dialogues‹ (2019) eingeladen, den Palmengarten mit seiner akustischen Kunst zu bereichern. Er ist Mitbegründer des Audioverlags ›Gruenrekorder‹, der sich seit 2001 mit bisher über 200 Veröffentlichungen auf die Bereiche Soundscapes, Field Recordings und elektro-akustische Kompositionen konzentriert.

Rieks künstlerisches Feld ist neben klassischen Field Recordings die Sonifikation, die Übertragung von Daten in Klänge. Genauer: die Biodatensonifikation. Und im Palmengarten bespielt er einige seiner Klanginstallationen mittels dieser Technik.

Tagelang auf dem Ansitz mit hochsensiblen Mikrofonen auf Seeadler zu warten, hat auch etwas von Jagd, nur dass der Natur nicht ein Tier entnommen wird, sondern seine Lautäußerung. Das wird besonders, wenn diese Laute für uns eigentlich unhörbar sind und erst über raffiniertes Sound-Engeneering ins menschliche Klangspektrum übersetzt werden.

An fünf Orten im Palmengarten und an zweien im Botanischen Garten überrascht er nun die Besucher:innen mit klanglichen Transformationen, von denen Walgesänge und die Echolot-Pings von Fledermäusen noch die vorhersehbaren sind. Mysteriös wird es mit der Dispersion von Eis, die uns in der Klangwelt am Bootsweiher neben den Geräuschen von Schwertwalen, Delfinen und Robben wie angewurzelt aufhorchen lässt. Dann wird es im Wortsinn unerhört! Uns fasziniert auch der ›Gesang der Pflanzen‹, dem gleich drei Stationen im Tropicarium, im Rosengarten und im Botanischen Garten gewidmet werden. Mithilfe von Elektroden an den Blättern der Pflanzen und Bäume werden tatsächliche Impulse aufgezeichnet, die in Tonfolgen und Melodien übersetzt – transformiert – werden. Unterschiedliche Arten erzeugen dabei auch verschiedene Impulse, denen gestaltete Tönen zugeordnet werden, wodurch wirklich eine Art Gesang erklingt.

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Natur erlauschen und sie ganzheitlich in Kunst überführen, das ist Rieks Mission. Im Sinne einer Ätherwirkung. Waren die Sound Dialogues noch auf den Raum des Palmenhauses begrenzt, der artifiziell ist und im Vergleich zu echten Tropen ungewöhnlich geräuscharm, durfte sich Riek nun mit seinen Projekten über den ganzen Park ausbreiten. Wir finden besonders gelungen, dass man gerade keinen Kopfhörer aufbekommt, sondern dass man keine Wahl hat; diese Kunst erreicht die Besucher:innen auf jeden Fall und hat damit eine leise moralische Note. Denn wer weiß, wie lange die Natur auf diesem Weg noch so zu uns ›sprechen‹ kann!

Der Palmengarten inspiriert Riek; diesen Ort der »Gardening- Hochkultur« mit Klangkunst zu überformen, stellte für ihn einen besonderen Anreiz dar. »Es ist einfach etwas ganz anderes, als im Städel oder der Schirn auszustellen. Also an Orten, die für die Kunstbegegnung explizit geschaffen wurden. Das Ambiente des 150 Jahre alten Palmengartens ist eine ideale Bühne für meine Klanginstallationen.«

Dazu passt seine Transformation ›Sportsonics‹, denn was auch uns nicht so präsent war: Der Palmengarten hatte eine sportliche Dimension. Als Parkgedächtnis ruft Riek hier die Bewegungsgeräusche einzelner Disziplinen wach – Radrennen, Staffellauf, Hochund Weitsprung, Speerwurf, Boxen, Tennis –, die ab 1897 im Palmengarten ausgetragen wurden. Nie platt aus dem Off, sondern kryptisch und kunstvoll überformt, eben transformiert. So spiegelt sich im Ohr die große Diversität des Palmengartens an den einzelnen Stationen wider: am Weiher, in der Grotte, im Bambuswald, im Rosengarten, im Tropicarium, am Subantarktishaus sowie im Botanischen Garten. Machen Sie sich bereit für eine Bezauberung ohne ökologischen Zeigefinger!

 

Transformationen: 11. Juni – 31. Oktober 2021 Alle Klanginstallationen von Lasse-Marc Riek werden bei Erscheinen dieser Ausgabe in der Palmengarten-App und auf der Webseite abrufbar sein.

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Siesmayerstraße 63,
60323 Frankfurt am Main
  • Mo-So 9–18

Botanischer Garten

Siesmayerstr. 72,
60323 Frankfurt am Main
  • Mo-Sa 9–18
  • So 9–13

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