Gold. Schmiede. Kunst

Das Atelier Stoess in der Wilhelmstraße Wiesbadens gehört zu den namhaftesten Juwelieren in ganz Europa. Dieses Jahr feiert das Unternehmen sein 135-jähriges Jubiläum. VivArt sprach mit Inhaber Wolfgang Alexander Stoess über traditionelle Goldschmiedekunst, das Kunsthandwerk im eigenen Goldschmiedeatelier und die hauseigenen Schmuckkreationen.

Fotos: Alexandra Repp

Herr Stoess, was bedeutet für sie eigentlich ›traditinelle Goldschmiedekunst‹?

 

Lassen Sie es mich vielleicht so sagen: Ein ausgelernter Goldschmied beherrscht die wesentlichen kalten und warmen Verformungstechniken. Dazu gehören Walzen, Sägen, Feilen, Bohren, Schmieden, Löten und Laserschweißen. Um diese Techniken zu erlernen, braucht es dreieinhalb Jahre Ausbildungszeit. Was dann aber zum herausragenden Goldschmied fehlt – man könnte auch Künstler sagen –, ist eine langjährige Erfahrung. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Schmuckstücke komplexe Formen aufweisen, mit hochwertigen Edelsteinen besetzt sind und oftmals sogar aus dem sogenannten Pavée-Setting bestehen (Anmerkung der Redaktion: ein feiner ›Teppich‹ aus dicht an dicht gefassten kleinen Edelsteinen). Diese langjährige Erfahrung ist auch wichtig, um ein gutes Formgefühl zu entwickeln, welches für ein erstklassiges Schmuckstück schon aus ästhetischen Gründen unabdingbar ist. Wenn beispielsweise eine Krappenfassung aus Drähten besteht, die nur ein bis zwei Zehntelmillimeter zu kräftig sind, dominiert optisch betrachtet die Fassung den Edelstein und nicht umgekehrt. Um diese Summe an Erfahrung zu sammeln, erhalten bereits ausgelernte Goldschmiede im Atelier Stoess eine weitere Zusatzqualifikation, nämlich die des ›Juwelengoldschmieds‹. Diese hoch qualifizierten Goldschmiede sind rar und viel gesucht. Wir bilden sie selbst aus.

 

Und was verbirgt sich hinter dem Wort ›traditionell‹ in Bezug auf ihre Schmuckstücke?  

 

Unter Tradition versteht man ja ganz allgemein Überliefertes oder Weitergegebenes. Im Atelier Stoess findet diese Überlieferung seit vier Generationen und nunmehr 135 Jahren statt. Hier werden Geheimnisse und kleine Tricks, aber auch Grundsätzliches bei der Anfertigung von Schmuckstücken weitergegeben. Grundsätzliches bei uns bedeutet beispielsweise, dass wir unsere Goldlegierungen selbst herstellen. Dabei bestimmen WIR die exakte Zusammensetzung des 18-karätigen Dreiklangs aus Feingold, Kupfer und Silber. Nur auf diese Weise können wir die erstklassige Qualität und die leuchtende Farbe unseres Goldes garantieren. Die Tatsache, dass wir zudem keine vorgefertigten Erzeugnisse einkaufen, ist eine weitere überlieferte Tradition. Während anderswofertige Drähte, Rohre, Scharniere oder Schließen zugekauft werden, fertigen wir dies alles selbst.

 

Gibt es denn auch Verfahrenstechniken, die es früher bei ihren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern nicht gab?

 

In der Tat gibt es im Atelier zwei sehr wichtige, neue Verfahren, die das Atelier Stoess bereits seit einigen Jahren anwendet. Zum einen ist dies das Laserschweißen, zum Zweiten das Schmuck designen am Computer mittels einer CAD-Software. Es sind wertvolle Hilfsmittel, die ein Schmuckstück noch besser, noch präziser und noch langlebiger machen. Und da kommt bei uns eine weitere Tradition zum Tragen: neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen zu bleiben, solange sie nicht nur neu sind, sondern eine Verbesserung und Weiterentwicklung darstellen.

Beschreiben Sie uns, wie ein Schmuckstück in ihrem Atelier entsteht?

 

Zu Beginn jeder Arbeit steht das Legieren des Metalls, also die Herstellung einer Goldlegierung aus den genannten Elementen Feingold, Kupfer und Silber. Feingold alleine wäre zu weich und nicht widerstandsfähig genug für ein Schmuckstück. Als Ausdruck unseres hohen Qualitätsanspruchs verarbeiten wir nur 18-karätige Goldlegierungen, bei denen der Feingoldanteil 75 % beträgt. Meist wird dann zunächst ein kleiner Goldbarren gegossen – etwa so lang und breit wie ein Finger. Diesen verformen unsere Goldschmiede dann mittels einer Walze zu einem Blech oder einem Draht – je nachdem, was benötigt wird. Es schließen sich dann weitere Verformungstechniken an – allesamt von Hand, nur unter Zuhilfenahme von Zangen, Sägen und Bohrern. Sobald mehrere Werkteile miteinander verbunden werden müssen, wird wahlweise gelötet oder mit dem Laser geschweißt. Der Goldschmied ist es auch, der die Fassungen für Edelsteine vorbereitet. Der Juwelenfasser setzt im Anschluss die Steine ein. Dabei wird entgegen der landläufigen Meinung nichts geklebt, sondern jeder Stein von winzigen Metallüberwürfen gehalten. Das ist sehr aufwendig, aber die Voraussetzung für ein erstklassiges Schmuckstück. Ganz am Ende findet die Polissage statt – das Finish, welches für den herausragenden Glanz sorgt.

 

Das Atelier Stoess ist bekannt für seine Eigenkreationen. Woher nehmen Sie die Ideen hierfür? 

 

Das ist sehr unterschiedlich, je nach Kollektion. Viele Kollektionen bedienen sich Elementen aus der Natur, wie die Kollektion ›Leaves‹ mit stilisierten Blättern oder die Kollektion ›Fleur d’amour‹ mit vielen kleinen Blüten. ›Palazzo‹-Schmuckstücke weisen zum Beispiel ein sehr puristisches, sehr klassisches Design auf, das aber durch seine Fassart den besonderen Twist bekommt. Da ist weniger das Design vordergründig, aber die besondere Verarbeitung. ›Paisley‹ beispielsweise greift das berühmte und gleichnamige Muster als wiederkehrendes Designelement auf. Gleiches gilt für die Kollektion ›Mandala‹. Und dann ist da natürlich die Kollektion ›Bärenherz‹, die uns sehr ans Herz gewachsen ist, weil wir mit ihr das gleichnamige Kinderhospiz in Wiesbaden unterstützen: Jedes Schmuckstück trägt eine Bärchensignatur oder besteht sogar aus einem Bärchen. Oftmals gibt es im Team aber auch Ideen, die zueiner Kollektion oder zu Unikaten umgesetzt werden.

 

Herr Stoess vielen Dank für das Gespräch

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Stoess GmBH

Wilhelmstraße 34,
65183 Wiesbaden
, 0611 301068
  • Mo-Fr 10–18.45
  • Sa 10–17

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