Ein artenreiches Schwergewicht

Dr. Volker Hummel im Gespräch mit Dr. Katja Heubach, seit 2018 Direktorin des Frankfurter Palmengartens und des Botanischen Gartens.

Fotos: Oana Szekely

Frau Dr. Heubach, im Titelessay zur Nachhaltigkeit lassen wir natürlich Hans Carl von Carlowitz zu Wort kommen. Seine Devisen erscheinen so evident, dass man sich fragt, warum außerhalb der Forstwirtschaft scheinbar kaum ein anderes Business ihm redlich folgt. Woran liegt es? Und kennen Sie Beispiele, die dem Vater der Nachhaltigkeit doch Ehre machen?

Da gibt es so einige und auch in anderen Sektoren! Zumal die Forstwirtschaft in weiten Teilen ihrem forstwirtschaftlichen Prinzip nach Herrn von Carlowitz selbst nicht nachkommt, denkt man nur an die Abholzungen in tropischen, aber auch europäischen Wäldern. Das Thema Nachhaltigkeit ist nicht mehr nur ein zentraler Begriff der Ökolog*innen. Heute gibt es doch kaum ein global agierendes Industrieunternehmen, das sich nicht mit den Sustainable Development Goals beschäftigt und regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte liefert. Aus meiner Sicht ist die Erkenntnis, dass unser wirtschaftliches Handeln zu großen Teilen auf Naturkapital und Ökosystemleistungen angewiesen ist, mittlerweile allgemein verstanden worden. Was nicht heißt, dass auch alle, die es erkannt haben, bereits danach handeln (können). Aber die Richtung ist doch eingeschlagen. Gleiches gilt für die Finanzbranche. Die EZB hat das Thema Green Finance ganz oben auf der Agenda. Investitionsentscheidungen werden zukünftig noch viel stärker an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtet werden als heute.

In der Flüchtigkeit unserer Eindrücke von Ihren eigenen Publikationen sind Biodiversität und Waldnutzung in Afrika Ihre Forschungsschwerpunkte. Damit sind Sie prädestiniert, Direktorin des Palmengartens und des Botanischen Gartens zu sein. Sind Sie aus der Forschung über die vom Menschen verheerte Welt auf eine Arche ›geflüchtet‹?

Das ist eine interessante Konnotation meines Stellenwechsels, der dann doch eher eine unerwartete Wendung in meiner Biografie darstellen würde. Der Wechsel aus der Forschung in die Praxis war dagegen ein ganz entschiedener. Er beruhte auf dem drängenden Bedürfnis, das durch Forschung gesammelte Wissen umzusetzen. Einerseits durch bessere Information der politischen Entscheidungstragenden, andererseits im Rahmen der Weiterbildung der Menschen, die vor Ort für die Bewirtschaftung der Ökosysteme und Landschaften verantwortlich sind. In Palmengarten und Botanischem Garten kann ich beide Ebenen wunderbar verschneiden: Zusammen bilden sie quasi einen Modellorganismus, an dem sich ökologische Vorgänge unter Realbedingungen, wie man unter Ökolog*innen sagt, studieren lassen. Eine unserer Hauptfragen ist natürlich, wie wir die Gärten so gestalten können, dass sie unter Klimawandelbedingungen auch in den nächsten 150 Jahren Bestand haben. Das Thema Arche spielt ebenfalls eine ganz besondere Rolle: Der Palmengarten ist mit seinen mehreren Tausend Arten allein in den Schauhäusern und der Botanischen Sammlung ein artenreiches Schwergewicht. Dazu kommen weitere Hunderte Arten im Freiland sowie unzählige gärtnerische Sorten, die wir von Beginn an kultivieren. Das ist auch ein riesiger Fundus für Vermittlung und Forschung.

Was im Großen nicht ideal funktioniert, kann im kleineren Maßstab trotzdem zu hoffnungsvollen Resultaten führen. Wenn Sie Carlowitz berichten sollten, wie nachhaltig in Palmengarten und Botanischem Garten gearbeitet wird, wäre er mit Ihnen und Ihren Mitarbeiter*innen zufrieden? Wirkt der Palmengarten nachhaltig zurück in die Biodiversität der Welt, so wie es der Artenschutz in zoologischen Gärten versucht?


Das sind ganz unterschiedliche Themen und Zielsetzungen. Nachhaltig im strengen Sinne, also ökologisch, sozial und ökonomisch Spitzenleistung bringen, das gelingt uns im Palmengarten bislang nicht. Das gebe ich unumwunden zu. Wir haben hier noch viel Potenzial und auch die Verantwortung, es zu nutzen. Aber wir machen auch große Fortschritte: Wir haben unter anderem unsere torffreie Kulturführung massiv ausgeweitet, einige energieeffiziente Technik in den Häusern und der Parkanlage installiert, gestalten unsere Freiflächen ökologischer. Wir werden allerdings nicht zu 100 Prozent klimaneutral oder emissionsarm arbeiten können. Allein unsere alten (Schau-)Gewächshäuser sind im Sinne der Energieeffizienz wahre Schlechtleister. Allerdings ist die Alternative, nämlich ihre Abschaffung, auch keine – ade Biodiversität, ade Bildung. Bei Neubauten haben wir mehr Möglichkeiten. Z. B. gibt es heute bereits Glasflächen, in die Solarzellen integriert sind, die also selbst Strom erzeugen.

Wir können aber heute bereits versuchen, die Schauhäuser im Sinne der sozialen Nachhaltigkeit aufzuwerten. Das machen wir gerade beim neuen Blüten- und Schmetterlingshaus. Wir nehmen die Ästhetik der tropischen Schmetterlinge und ihre ökologische Funktion als bestäubende Insekten, ohne die die Bildung von Früchten nicht möglich wäre, in den Blick. Daraus haben wir ein Leitthema – das erste des Palmengartens – gemacht: Blüten- und Bestäuberökologie. In unserer neuen Dauerausstellung ›Abgestaubt!‹ gehen wir der Frage nach, was bestäubende Insekten mit uns Menschen zu tun haben. Frei nach dem Motto ›No bees, no Bembel!‹ wird unseren Gästen schnell klar, dass wir nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich von Bienen, Hummeln und Co. – und eben Schmetterlingen – abhängen. Unsere Auffassung von Nachhaltigkeit beinhaltet also auch, Vorhandenes im Sinne der Nachhaltigkeit aufzuwerten und neu zu betrachten, mit besonderem Blick auf die Vermittlung von Zusammenhängen und die Liebe zur Natur.

Wir befürchten, dass das Thema Nachhaltigkeit durch die Naturkatastrophe Covid-19 politisch noch lange ausgebremst ist. Was können wir Einzelnen für mehr Nachhaltigkeit tun?

In erster Linie wünsche ich uns, dass wir weder dogmatisch noch depressiv werden: Wir sollten unser Leben und unsere täglichen Entscheidungen nicht kompromisslos an einem Ideal der Nachhaltigkeit ausrichten. Das verdirbt die Leidenschaft und den Schöpfergeist, diesem Ideal immer wieder mit neuen Ideen und Schwung zu begegnen. Stattdessen sollten wir versuchen, die für uns realistischen Beiträge zu einem nachhaltigeren Alltag zu finden und darauf aufzubauen. Dann bleiben wir nämlich auch dran. Möglichkeiten gibt es viele: Für den einen ist das, sich öfter aufs Rad zu schwingen. Für die andere heißt das, im Unverpacktladen einzukaufen. Was immer gut funktioniert, ist meines Erachtens der Leitsatz von Bea Johnson, Autorin des Buchs ›Zero Waste‹: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot. Was so viel heißt wie: vermeiden, reduzieren, wiederverwenden, recyclen und kompostieren. Nachhaltiges Leben ist eine individuelle Entscheidung, sie braucht eine lebensweltliche Passung. Am wichtigsten ist wohl, dass wir uns nicht von den globalen Entwicklungen entmutigen lassen. Der Depression entgegenwirken kann nur der innere Glaube an die eigene Wirksamkeit.

Frau Dr. Heubach, vielen Dank für dieses tolle Gespräch!

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