Dem Alter das Siechtum nehmen

Die moderne Altersforschung zeigt, dass unser Körper ein sprichwörtliches Wunderwerk ist. In ›Altern wird heilbar‹ erklärt die Fernsehmoderatorin Nina Ruge, wie es funktioniert. Miriam Becker hat mit der Biologin und Journalistin über unsere Zellen, Altersprozesse und die Schrecken des Alterns gesprochen.

Foto: Kay Blaschke

›Altern wird heilbar‹ – mit dem Titel Ihres aktuellen Buchs implizieren Sie, dass Altern eine Krankheit sei. Haben Sie sich denn, als der Alterungsprozess Mitte 20 begann, zunehmend krank gefühlt?

Der Buchtitel ist provokativ – aber nur dann, wenn wir ihn auf die philosophische Dimension des Alterns beziehen, auf die Weisheit, den Erfahrungsschatz, die Souveränität, die man mit einem gut gelebten Leben gewinnt. Der Buchtitel ist keineswegs provokativ, wenn Sie sich anschauen, worüber wir berichten: nämlich über das schleichende Nachlassen, ja, das Entgleisen der drei elementaren Zellkompetenzen, und das beginnt leider tatsächlich um das 25ste Lebensjahr herum. Natürlich fühlt man sich in diesem Alter noch nicht krank. Doch nüchtern betrachtet startet mit Mitte 20 ein erschütternder Prozess: Jedes Jahr schwindet – natürlich geschätzt – rund ein Prozent der Power unserer Zellkompetenzen. Das bedeutet: Nach 40 Jahren, im Alter von 65, sind das 40 Prozent! Und dieser Prozess des ›primären Alterns‹, das auf Zellebene geschieht, schwächt unsere Konstitution so sehr, dass die sogenannten ›Alterskrankheiten‹, also das ›sekundäre Altern‹, ein leichtes Spiel haben. Man kann allerdings einiges tun, um den ›Healthspan‹ zu verlängern mit dem Ziel gesunder Langlebigkeit.

Wie fühlen Sie sich heute?  

Tatsächlich super. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich mit 40 begonnen habe, mich mit dem Thema ›gesunde Langlebigkeit‹ zu beschäftigen, schon damals mit einem Experten ein Buch dazu verfasst habe – und mich ziemlich konsequent verhalte. Und ich bin aktiv, geistig und körperlich, und das ist schon mal ziemlich empfehlenswert …

Seit der Entschlüsselung der DNA schreitet die Alternsforschung mit großen Schritten voran. Für das Buch, das Sie mit Dr. Dr. med. Duscher verfasst haben, bemühen Sie mehr als 300 aktuelle Theorien zum Prozess des Alterns und verknüpfen diese mit aktuellen mikrochemischen und mikrobiologischen Erkenntnissen. Was fasziniert Sie daran?

Das klingt natürlich ziemlich abschreckend für Leserinnen und Leser. Keine Angst, es geht nicht um einen Grundkurs der Molekularbiologie, allerdings steigen wir durchaus ein in die neuesten Erkenntnisse der Zellbiologie, und das ist faszinierend. Wenn man sich einlässt, wenn man bereit ist, diese phänomenale Welt zu entdecken, die milliardenfach in unseren Zellen unfassbar präzise Arbeit leistet mit einer beeindruckenden zellulären Intelligenz, dann kniet man nieder vor dem, was uns Tag für Tag am Leben hält. Da arbeitet unermüdlich ein Wunderwerk in uns, und es ist unendlich spannend zu erfahren, wie es wirkt. Die Forschung explodiert auf diesem Feld – und wir wissen noch nicht viel. Doch das, was wir wissen, lohnt sich so sehr zu erkennen!

Das Altern ist in unseren Zellen verankert, die langsam ihre Funktionalität verlieren und damit Krankheiten geradezu einladen. So gesehen ist das Altern die Krankheit und Todesursachen wie Krebserkrankungen oder Herzinfarkt nur deren Symptome. So lässt sich Alter anders denken – und behandeln, ihm das Siechtumnehmen. Wann hatten Sie diese Erkenntnis und was bedeutet sie für Sie persönlich?

Worüber wir in unserem Buch berichten, das ist recht neu. Die zellbiologische Forschung, die Biochemie und Molekularbiologie sind erst seit zehn, 20 Jahren mit den neuen Forschungsmethoden so weit vorgedrungen. Da ich Biologie studiert habe – in den 1980er-Jahren –, war das faszinierend und neu zugleich. Neue Ansätze, dem Alter den Schrecken zu nehmen, sind so betörend, dass ich darüber berichten muss! Allerdings bedeutet das für Leserinnen und Leser, dass sie sich einlassen auf diese Welt. Das ist zwar ein Krimi, aber das ist auch Zellbiologie und beinhaltet Komplexes. So ist die Welt der Forschung heute auf jedem Feld: komplex. Und wer einsteigen möchte, muss sich ein bisschen tiefer einlassen. Ich habe allerdings so plastisch und verständlich erklärt wie mir nur möglich …

Für wen haben Sie das Buch verfasst? Für Fachleute oder Laien, die sich gern das ›Siechtum‹ ersparen wollen?

Das Buch ist wunderbarerweise sehr erfolgreich, schon in der fünften Auflage und in den Ratgeber-Bestsellerlisten. Das wäre nicht möglich, wenn ich es an ein Fachpublikum adressierte. Von etlichen Leserinnen und Lesern hörte ich in etwa Folgendes: »Einfache ›Schnipsel‹-Infos zu medizinischen Themen, zu Altersforschung finde ich zuhauf im Netz. Dafür brauche ich kein Buch. Aber einen fundierten Überblick, wissenschaftlich basiert und verständlich – das funktioniert nur als Buch.« So erkläre ich mir den Erfolg!

Wie wir mit unserer Vergänglichkeit umgehen, hat großen Einfluss auf die Gesellschaft. Früher waren Schönheit, Alter, Krankheit und Tod gott- oder schicksalsgegeben. Nun werden sie zunehmend eine Frage des Willens und der Mittel. Was macht diese Eigenverantwortung mit uns Menschen?

Selbstbestimmung und Annehmen, was im Alter mit uns geschieht, das ist die moderne Form der Identität, das ist Handeln durch Erkenntnis und Spiritualität. Beides versuche ich zu leben, quasi im inneren Dialog. Und das ist meine Motivation für mein zweites Buch, das ich jetzt gerade fertiggestellt habe: »Verjüngung. Das Praxisbuch zum Bestseller ›Altern wird heilbar‹«. Nach dem Grundlagenbuch kommt jetzt also der Leitfaden fürs selbstbestimmte Handeln – und das gilt ganz praktisch auch für mich!

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Ruge!

 

Nina Ruge, Dr. Dr. med. Dominik Duscher: Altern wird heilbar. GU Verlag. 352 Seiten.
ISBN: 978-3-8338-7178-8; 22 EUR

nina-ruge.de

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