Zwischen Schönheit und Grauen

Ob ein selbst empfundener Makel oder ein durch Krankheit oder Verletzung entstelltes Äußeres – beides kann Dr. Nuri Alamuti verändern. Der Facharzt für plastische Chirurgie operiert in seiner Praxis in Wiesbaden. Aber zwei- bis dreimal im Jahr setzt er sein Können in Ländern mit medizinischer Unterversorgung ein. VivArt sprach mit ihm über 25 Jahre im Dienst der Hilfsorganisation Interplast.

Dreissigacker

Herr Dr. Alamuti, aktuell führen Reisen Sie nach Burma. Wie wählen Sie aus, wo Sie helfen?

Plastische Chirurgie kann entstellten Menschen auf der ganzen Welt helfen. Wir organisieren mit der Sektion Rhein /  Main des Vereins Interplast-Germany Reisen in Länder mit medizinischer Unterversorgung. Die gibt es leider fast überall. Wir haben in Afghanistan, Iran und Irak operiert, wo Kriegsverletzungen die Menschen zeichnen. In Indien, Thailand, Jemen, Nepal und Tibet oder Burma herrscht ebenfalls unglaubliche Armut, sodass Krankheiten wie Lippen-Kiefer- und / oder Gaumenspalte nicht wie bei uns gleich nach der Geburt operiert werden. Später sind immense Gesichts­rekonstruktionen notwendig und solche Erkrankungen behandeln wir überall. In Kontinenten wie Afrika kommen noch bewaffnete Konflikte hinzu, wobei Ver­unstaltungen als Strafe und Erniedrigung insbesondere gegen Frauen eingesetzt werden. Zu sehen in Malawi, Somalia, Ruanda, Tansania oder dem Kongo. Andere Ver­letzungen rühren von Unfällen her oder fügt die Natur den Menschen zu, wie bei der Katas­trophe auf Haiti, wo wir ebenfalls waren.

Wer ist ›wir‹?

Insbesondere meine Frau, Dr. Ruth Alamuti, und eine lang­jährige Mitarbeiterin unserer Praxis, Desiree Grote. Den organisa­torischen Rahmen stellt der Verein Interplast, der auch für die Auswahl der Zielorte maßgeblich ist. Er wurde von Gottfried Lemperle gegründet, der heute mit 80 Jahren immer noch aktiv ist.

Der Verein agiert auf Basis von Spenden und des unent­geltlichen Engagements seiner Mitglieder. Allerdings ist Interplast recht unbekannt. Warum?

Das kommt darauf an, wen Sie fragen. In Ländern, die auf medizinische Hilfe aus dem Ausland angewiesen sind, hat Interplast einen sehr guten Ruf – 
sowohl in Fachkreisen als auch bei der Be­völkerung. Wir machen aber keine Werbung, sondern setzen unsere Mittel direkt in Projekten um. Deshalb ist Interplast effektiv – aber wenig populär.

»Bei den OP-Teams vor Ort gibt es keine Hierarchien. Jeder tut das, was notwendig ist und was er gut kann. Das ist ein tolles Gefühl: Medizin als Teamsport!«

Dr. Nuri Alamuti

Ihre Arbeit erfordert den Mut, auch an den unwirtlichsten Orten der Welt zu praktizieren. Was treibt Sie an? 

Da gibt es zwei ›Treiber‹. Zum einen betrachte ich es als meine soziale Ver­antwortung. Ich mache das seit 25 Jahren und fing unter anderem mit Leprakranken an, um damit auch zu zeigen, dass sie nicht mehr ansteckend sind. Das half ihnen auch aus der Isolation heraus. Viele Menschen leiden unter ana­tomischen Fehl­bildungen, die sie körperlich einschränken, vor allem aber gesell­schaftlich ausgrenzen. Zum anderen ist es auch ein gutes Gefühl, tatsächlich helfen zu können. So dient mir das Engagement als persönlicher Ausgleich.

Wie sind die Bedingungen vor Ort?

Die sind nicht mit den hiesigen zu vergleichen, was schlechte, aber auch gute Seiten hat. Die gute: Bei den OP-Teams gibt es keine Hierarchien. Jeder tut das, was notwendig ist und was er gut kann. Das ist ein tolles Gefühl: Medizin als Teamsport! Wir führen eine Anzahl von Operationen pro Tag durch, die hier undenkbar wäre. Dabei habe ich sehr viel Erfahrung ge­sammelt. Die schlechte Seite sind natürlich die räumlichen und hygienischen Bedingungen, die uns zur Im­provisation zwingen. Aber anders lässt sich der Andrang nicht bewältigen. Und bisher kam trotz der un­zulänglich wirkenden Bedingungen noch niemand zu Schaden.

Wollen Sie weitermachen?

Ja, aber ich ändere meine Strategie zum ›Professional teaching‹. Zu den Operationen holen wir viele ein­heimische Mediziner dazu, die von uns Techniken lernen, die sie in ihren Ländern häufig brauchen. Nehmen wir nur die schlimmen Ver­brennungen, die viele junge indische Frauen erleiden, wenn ihre Saris beim Kochen Feuer fangen. Von solchen und ähn­lichen Fällen kann ich zuhauf berichten. Sie sind der Grund, warum wir diese Arbeit machen und uns über Spenden freuen.

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INTERPLAST Germany, Sektion Rhein / Main e. V.

Schöne Aussicht 39,
65193 Wiesbaden
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