Wie man mit dem Hammer keltert

Entdeckt hat sie eigentlich noch keiner. Sie verkaufen in die USA, nach Holland, an den Konsumenten hierzulande vorbei. Genauso wenig scheren die beiden sich um eherne Gesetze der Weinbereitung. Die Brüder Frey machen ihrem Namen alle Ehre. Von Manfred Lüer

Die Brüder Frey am Steilkliff des urzeitlichen Riffs in Rheinhessen
Die Brüder Frey sind da, wo oben ist

Sie sind jung und haben Blut geleckt. Und sie scheren sich nicht um gängige Meinungen. Wer sagt, dass richtig guter Cabernet Sauvignon bei uns nicht wächst?! Oder dass ein vollsaftiger Gutsriesling früh und mit jeder Menge Säure gelesen gehört?! »Wir sind Hardliner«, trumpfen die Brüder auf, »wir haben es lieber ein bisschen fett. Schlaffe ›Dünnis‹ kriegt man hier nicht!« Philipp Frey ist Jahrgang 1988, hat sein Geisenheim-Studium 2013 beendet und schwärmt noch vom Praktikum beim ›High-End-Ultra-Premium-Weingut‹ Vérité im kalifornischen Sonoma County, das quasi ein Abo auf die heißbegehrten 100 ›Parker-Punkte‹ hält. »Die haben rund 30 Bewerber im Jahr, nehmen aber nur drei Praktikanten auf«, erklärt Philipp Frey stolz. Und dass die Kalifornier eben zu schätzen wüssten, dass er mit Merlot und Cabernet ja praktisch aufgewachsen ist. Sein jüngerer Bruder Christopher studiert noch in Geisenheim, ist aber ebenso kein unbeschriebenes Blatt; 18 Monate hat er schon bei Hans-Oliver Spanier in Hohen-Sülzen gearbeitet – kein Pappenstiel! Denn bei solch einem Riesling-Schwergewicht muss man genauso bestehen wie bei Vérité.

»Wir sind Hardliner. Wir haben es lieber ein bisschen fett. Schlaffe ›Dünnis‹ kriegt man hier nicht!«

Philipp Frey

Dass beide Brüder in so jungen Jahren schon aus einem Erfahrungsschatz schürfen, den andere ihr Leben lang nicht heben, erklärt die enorme Substanz ihrer Weine. Und dieses Pathos, mit dem sie für ihre Weine stehen. Dabei wirken sie keine Spur selbstverliebt oder gar arrogant. Das können sie sich auch nicht leisten, wenn sie voll auf Qualität gehen wollen. »Einfach unglaublich, mit welcher Sorgfalt auf Vérité gearbeitet wurde«, schwärmt Philipp und erinnert sich an die schier »wahnsinnige Akribie bei der Handlese in kleinen und kleinsten Crus.« Die  aufwendige optische Sortierung obenauf, dazu konsequente Kaltmazeration, also Kaltstandzeit der Maische vor der Gärung, um maximale, aber eben auch ungemein feine Frucht und einen vollmundigen Geschmack aus den Beerenhäuten zu lösen. Zu guter Letzt das perfekt auf die drei Bordeaux-Blends abgestimmte und getoastete Holz.

Die Brüder Frey

Wer so inspiriert ist, ›kann‹ keine halben Sachen. Die Intensität, mit der sich die Frey-Brothers Cabernet hingeben, nötigt Respekt ab. Der reift im scheinbaren Nirgendwo von Esselborn und Hangen-Weisheim so lange, bis ringsum auch der allerletzte Riesling geerntet wurde! »Bei uns kriegt kaum einer Cabernet hin, weil sie die Geduld nicht haben. Doch dann gibt es eben zu grüne Tannine! Wir entblättern die Reben und lassen die Beeren bis Mitte November hängen.« Nach der Kaltmazeration bei nur vier, fünf Grad kommt dann ein so farbintensiver, dicker Stoff in die Barriques, dass man nur staunen kann: samtige Üppigkeit aus Brombeere, Cassis, Schokosplittern und Zigarrenkiste. Ohne überreifen Fruchttaumel, der obligatorischen Vanille-Duftwolke oder dem grünwürzigen Paprika-Allerlei. So cool und prägnant, dass man nicht im Traum darauf käme, wo der wuchs. Trotz dieser Fülle ist etwas Gradliniges und Prägnantes in dem Wein, der seine Kraft bündelt. Aber lange halten sich die beiden nicht daran auf, kommen mir auch beim Riesling ohne Umschweife zur Sache.

Ihr Gutsriesling ist Saft, Saft, Saft! Die Säureblitze darin imaginieren mir ein Land, in dem Steinobst und rosa Grapefruits wachsen. Gewiss kein banaler Allerweltstrunk, sondern mustergültige Süffigkeit. Mit forderndem Extrakt als Essenz, leuchtkräftig, forsch und zackig im Auftritt. Höher hinaus bieten der Hangen-Weisheimer Ortsriesling  und der Lagenwein aus der Hangen-Weisheimer Sommerwende einen konzentrierten, reichen und vollen Geschmack von würzig-mineralisch bis verführerisch-exotisch, wobei eine dezente Note von – gesunder – Botrytis zusätzliche Cremigkeit, Fülle und Aromen von Orangenschale und Schwarzem Tee spendiert. Dazu kommt noch eine Réserve vom Kosmopoliten Chardonnay, die nach purem Tatendrang schmeckt – nicht nach überholt, fettig-weichem Wumms. Christopher und Philipp Frey sind nicht von gestern. Ihr neuestes Steckenpferd ist Spätburgunder, der tief rubinrot funkelt und souverän die obligatorische Schwarzwälder-Kirschtorte verabschiedet. Die Brothers Frey tönen laut, aber wer ein Maulvoll davon abbekommt, weiß – wie ich – warum.

Christopher und Philipp Frey
Christopher und Philipp Frey
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Weingut Frey

Weedegasse 10,
55234  Ober-Flörsheim,
06735 941272

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