Schreiende Vögel in der Luft

Das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg zeigt die erste Retrospektive des Künstlers Thomas Wrede. Direktor Dr. Johannes Janssen sprach mit VivArt über den Einfluss der Fotografie in der Kunst, die Entfremdung des Menschen von der Natur und er interpretierte für uns eine Arbeit von Wrede. 

Fotokunstwerkt von Thomas Wrede
Thomas Wrede, Real Landscapes, Nach der Flut, 2012 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

VivArt: Welchen Stellenwert hat die Fotografie in der bildenden Kunst heute?

Janssen: Ein Blick auf die Ausstellungskalender der letzten Jahre zeigt, dass die Fotografie als Kunstform weltweit eine enorme Rolle spielt. Die technische Weiterentwicklung des Mediums, das unterschiedlichste Bearbeitungsformen erlaubt, spielt hier sicherlich eine entscheidende Rolle. Gerade auch bei Kunstsammlern ist die Fotografie ein sehr begehrtes Objekt.

Wie spiegeln die Fotografien von Thomas Wrede die Entfremdung des Menschen von der Natur wider?

Der Ausgangspunkt des Künstlers ist einerseits die Sehnsucht des Menschen nach der ›reinen Natur‹ und andererseits die Frage nach ihrer medialen Vermittlung und ihrem landschaftlichen Abbild. Wredes Fotografie zeichnet sich durch diese Spannung aus. Seine Art der fotografischen Bildinszenierung lockt uns in das scheinbar vertraute Panorama hinein, um uns dann das Kulissenhafte und Befremdende daran vor Augen zu führen.

Fotokunstwerk von Thomas Wrede
Thomas Wrede Wrapped Landscapes Hochtannen © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

»In den großformatigen Schwarz-Weiß-Arbeiten seiner frühen Serie ›Die Vögel stehen in der Luft und schreien‹ hält Thomas Wrede die Abdrücke des Aufpralls von Vögeln auf Fensterscheiben fest, die wie Geister zwischen dem Hier und dem Jenseits, zwischen dem Moment und der Unendlichkeit zu schweben scheinen.«

Dr. Johannes Janssen

An sich scheint die Foto­grafie dazu geschaffen zu sein, die Wirklichkeit ›objektiv‹ wiederzugeben. Mit welchen ironischen Ins­zenierungen stellen die Werke von Wrede ihre eigene Künst­lichkeit heraus?

In seinen ›Real Landscapes‹ werden etwa Spiel­zeug­autos und kleine Modell­häuser auf den Strän­den der Nordsee­inseln und Sand­gruben so platziert, dass aus einer Pfütze ein See und aus einem Hau­fen Erde ein Ge­birge entstehen. Die foto­grafische Täuschung seiner Schein­welten wird dabei nicht durch digitale Be­arbeitung, sondern durch das Fehlen von Größenverhältnissen in der realen Land­schaft hervor­gerufen. Anderer­seits wiederum foto­grafiert Wrede reale Szenen am sommerlichen Strand, die plötzlich ›unecht‹ wirken – als wären auch wir nur Teil einer inszenierten Miniatur­landschaft.

 

Vogelabdruck Schwarzweißfoto
Thomas Wrede, Die Vögel stehen in der Luft und schreien, 1994 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Könnten Sie bitte eine Arbeit von Wrede heraus­greifen und für uns inter­pretieren?

In seiner frühen Serie ›Die Vögel stehen in der Luft und schreien‹ aus dem Jahre 1994 hält Wrede in groß­formatigen Schwarz-Weiß-Arbeiten die Ab­drücke des Auf­pralls von Vögeln auf Fenster­scheiben fest, die wie Geister zwischen dem Hier und dem Jenseits, zwischen dem Moment und der Un­endlich­keit zu schweben scheinen. Diese Foto­grafien, zunächst gewonnen aus einer all­täglichen Be­obacht­ung (denn jährlich sterben allein in Deutschland 18 Millionen Vögel durch Glas­kollision), werden durch die Be­arbeitung des Künstlers zu be­eindruckenden und an­rührenden Ver­bildlich­ungen eines existentiellen Augen­blickes zwischen vitaler Körper­lichkeit und schwere­loser Auf­lösung. Die Kompo­nistin Isabel Mundry wurde von dieser Werkreihe sogar zu ihrer Komposition ›Flugsand‹ inspiriert, die in der Aus­stellung zu hören sein wird.

Herr Dr. Janssen, wir danken Ihnen für diese Ein­sichten in Wredes Werk.


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Museum Sinclair-Haus

Löwengasse 15,
61348  Bad Homburg vor der Höhe,
06172 404128

Seit 2015 lehrt Thomas Wrede als Professor für Fotografie und Medien an der Hochschule der bildenden Künste Essen. Seine Ausstellung ›Modell Landschaft. Fotografie‹ ist vom 12. März bis 5. Juni 2017 im Sinclair-Haus zu sehen.

Ebenso legen wir Ihnen das Künstlergespräch zwischen Thomas Wrede und Dr. Sybille Anderl (FAZ) ans Herz: ›Über Wirklichkeit und Illusion‹. 26. April 2017, 19 Uhr, Eintritt 5 EUR.

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