Räume sind Skulpturen

Meist ist der Architekt mit seiner Arbeit fertig, und dann heißt es für Innenarchitekten: Dann mach mal schön! Bettina Getto hatte oft mehr Glück mit den Bauherren und wurde bei ihren wichtigsten Planungen für Häuser, Stores und Bürogebäude früher hinzugezogen, bevor der Architekt ein Fait accompli hinterlässt, dass schmerzliche Kompromisse erfordert. Für ihre Innenarchitekturen wurde sie 2016 mit dem begehrten ›INsider-Award‹ für herausragende Leistungen in der Innenarchitektur ausgezeichnet.

Räume sind Skulpturen

Wir treffen Bettina Getto auf der Dachterrasse ihres Wiesbadener Büros. Vom neunten Stockwerk aus hat man einen Panoramablick übers gesamte Quellenviertel. Aktuell betreut sie sechs Projekte gleichzeitig, trotzdem findet sie Zeit für ein ausführliches Gespräch und strahlt eine beneidenswerte Seelenruhe aus.

Frau Getto, die von Ihnen gestalteten Räume wirken wie komponiert. Ich möchte fast von Autorenarchitektur sprechen. Ein Gedicht hält man für geglückt, wenn nichts hinzuzufügen oder zu streichen ist. Wie erklären Sie sich selbst diesen in sich stimmigen Eindruck, der Ihre ganz persönliche Handschrift ausmacht?

Am Beginn meiner Arbeit steht immer eine sehr tiefgehende Analyse der Ist-Situation und der Anforderung des Bauherrn. Meine Entwürfe haben immer eine technisch-ausgereifte, intellektuelle Seite, die mein Team und mich dann in der Realisierung zu durchdachten ästhetischen Formen führen. Ich beziehe Räume energetisch aufeinander, bestimme in der Gesamtwirkung alles bis ins Detail und stelle subtile Bezüge her, auch durch einen bewussten Lichteinfall.

Bettina Getto
Bettina Getto

Sie haben einen starken interdisziplinären Werdegang. Begannen zunächst sogar eine technische Ausbildung im Maschinenbau ...

Ja, ich war damals in Rüsselsheim die einzige Studentin unter 200 Studierenden und wechselte dann ins Fach Innenarchitektur – zur Enttäuschung der Professoren. Heute bildet dieses Grundwissen die Basis für die technische Ausgereiftheit unserer Entwürfe, falls nötig entwickeln wir entsprechende Sonderlösungen. Aktuell planen wir nicht nur Innenarchitektur sondern realisieren auch komplette Gebäude und müssen weniger Kompromisse eingehen.

Räume sind Skulpturen

Kommen wir zur Beauftragung zurück, da ist schon Ihr Ansatz minimalistisch. Sie suchen bei den Wünschen der Bauherren die Essenz, das Wesentliche.

Alles, was eigentlich emotionslos kalt und karg hingeklotzt wird, soll heute schon minimalistisch sein. Phantasielose, einfache Gebäude sind dann im Zweifelsfall ›Bauhaus-Stil‹. Die Reduktion aufs Wesentliche bringt auf der Kehrseite einen großen Planungsaufwand mit sich, bis etwas minimalistisch ist. Vor dem ersten Spatenstich stehen viele Termine, ich stelle viele Fragen, zum Beispiel: Was wollen die Menschen eigentlich, was benötigen Sie wirklich? Welche Funktionen oder Arbeitsabläufe? Der Bauherr muss sich mit seinen Bedürfnissen intensiv auseinandersetzen. Je genauer ich in vielen Gesprächen die Aufgabe definieren kann, desto perfekter wird die Planung. Meine Arbeit besteht aus ganz viel Kopfarbeit und nicht minder viel Einfühlungsvermögen. Aber wie Sie in der Titelstory beschreiben, hat der heutige Wohnminimalismus seinen Ursprung im Feng-Shui; das Umfeld aufräumen, um den Geist aufzuklaren – auch darin bin ich ausgebildet.

Meditativer Wellnessbereich mit einem raffinierten aufklappbaren Paravent aus Stahl als Sicht- und Sonnenschutz
Meditativer Wellnessbereich mit einem raffinierten aufklappbaren Paravent aus Stahl als Sicht- und Sonnenschutz

Sie realisierten kürzlich Ihre erste Gartenanlage. Ein wunderschönes Seegrundstück. Auch hier durften Sie die recht konzeptlose Planung eines Kollegen korrigieren. Erzählen Sie uns davon! 

Geplant war eine Gartenanlage mit Sauna und Wellnessbereich, aber das, was wir vorfanden, hatte keine Chronologie, keinen Rhythmus; es wurde keine Geschichte erzählt. Ich habe ein monolithisches Steinband durch das gesamte Gartengrundstück gelegt, welches vom Steg bis zum Saunabereich eine gefällige und intuitive Ordnung erzeugt. Aus dem eigentlichen Auftrag haben wir viel zusätzlichen Nutzen für die Bewohner gewonnen. Das kubische Saunagebäude hat zur Seeseite über Eck zwei Fensterfronten, die wir mit einem raffinierten aufklappbaren Paravent aus Stahl als Sicht- und Sonnenschutz versehen haben. Daraus wurde nicht bloß ein geradezu meditativer Wellnessbereich, es wurde ein Hortus; eine mal intime, mal offenherzige Komposition aus feinsten Materialien, Farben, Formen und Licht. Besonders stolz sind wir auf das eigens entwickelte Muster für die durchbrochenen Formen, die an Eichenlaub erinnern und den Innenraum geheimnisvoll und atmosphärisch dicht erhellen. Hier hat die Hausherrin, eine Musikerin, auch ihren Lieblingsort zum Üben gefunden.

Meditativer Wellnessbereich mit einem raffinierten aufklappbaren Paravent aus Stahl als Sicht- und Sonnenschutz

Frau Getto, Sie feiern dieses Jahr schon das 20. Jahr von Getto Innenarchitektur. Wir wünschen Ihnen auf Ihrer Suche nach dem Besonderen noch viele aufgeschlossene Bauherren, die Ihnen weiter so freie Hand lassen!

Daniels in München – Fotos: Carl von Einem

GWG Reutlingen – Fotos: Stephan Scheibel

Haus K – Fotos: Emanuel Raab

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Getto Innenarchitektur – Bettina Getto Dipl.-Ing. Innenarchitektur (FH)

Kranzplatz 11,
65183 Wiesbaden
, 0611 4491174

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