Kaffee Spezial

Kaffee ist unser letztes salonfähigen Rauschmittel. Mit unserem infernalischen Konsum können wir noch unbescholten vor unseren Chefs angeben – gerade in den Medienberufen. Und wie jede Droge genießen wir auch den Kaffee nur noch in raren Augenblicken, wenn wir uns fürs Ritual Mühe geben, ihn zu riechen, bevor wir ihn stürzen.

Kaffee-Spezial

Wenigstens sind die früheren Vorbehalte und Skrupel ausgeräumt. Gerade das populäre Risiko eines Zusammenhangs zwischen Kaffeekonsum und Infarkten gibt es gar nicht. Und schon Franz Kafka beharrte renitent: »Kaffee dehydriert den Körper nicht, ich wäre sonst schon Staub.« Heute haben wir es wissenschaftlich belegt von Heiner Böing, Professor für Ernährungswissenschaften an der Uni Potsdam: Koffein entwässert nicht, unsere Flüssigkeitsbilanz bleibt normal. (Die der Agrarflächen leider nicht.) Kaffee zehrt auch nicht aus oder macht blass. Eher lässt sich beweisen, dass wer mehr als vier Tassen am Tag trinkt, ein geringeres Risiko für Leberkrebs hat und dass hoher Kaffeekonsum das Risiko für Typ-2-Diabetes verringert. Die Polyphenole im Kaffee triggern sogar die Selbstreinigung und Entgiftung des Körpers. 

Aber ein gottesfürchtiges Getränk war Kaffee nie, etwas Verruchtes und Manisches haftet ihm bis heute an. Der arabische ›Kahve‹ bedeutet ›anregendes Getränk‹, und wie durch Zauberei weckt schon sein Wohlgeruch die Lebensgeister. Es ist ja auch streng genommen eine psychoaktives Rauschmittel. Rund 700 Inhaltsstoffe machen Kaffee zum chemisch komplexesten Gebräu, das wir freiwillig zu uns nehmen. Und in Zeiten des Mangels rief das betörende Aroma echten Bohnenkaffees bis in die Treppenhäuser Neider auf den Plan. Auch das ist inzwischen entschlüsselt – wir wollten es Ihnen ja vorenthalten, aber eines der drei stärksten Aromen darin riecht für Professor Klaus Roth von der FU Berlin verdächtig nach Katzenpipi.

Nichts, was uns abhalten könnte! Heute ist Kaffee, so Dimitrios Kissoudis in seinem wunderbaren SWR2-Blog, »Treibstoff unseres Arbeitslebens und Schmierstoff für unsere sozialen Beziehungen. Mit über 160 Litern Verbrauch pro Kopf ist er das Lieblingsgetränk der Deutschen – noch vor Mineralwasser und Bier.« Rund 450 Jahre ist der ›Türkentrank‹ bei uns bekannt und seit dem ersten Kaffeehaus, das 1647 in Venedig gegründet wurde, legte die Kaffeepflanze eine beispiellose Karriere hin. Ursprünglich aus Kaffa in Äthiopien stammend, wurde sie an allen geeigneten Orten auf dem Globus heimisch, trägt eine Hauptschuld an der Sklaverei, machte aber auch die Fair-Trade-Siegel erst möglich. Heute sind die schwarzen Bohnen der nach Erdöl am meisten gehandelte Rohstoff! Selbst England war vor der Kolonisation Indiens eine Nation überzeugter Kaffeefreunde, bevor Earl Grey und Darjeeling den Rang abliefen, wohlgemerkt: Koffeinisten blieben sie allesamt, denn Teein und Koffein sind praktisch identisch.

Die Baristas und Röstereien unseres Vertrauens bieten auf Auktionen auf einzelne Berge in Lateinamerika mit, schätzen sich froh, wenn sie einen Sack eines ganz bestimmten Anbaugebiete ergattern. Das nimmt Züge an, die wir sonst eher aus dem Weinbau im Burgund kennen. Nicht zuletzt sorgte der Kaffee aber auch für die schönsten Lokale, die unsere urbane Genusskultur überhaupt hervorgebracht hat. Dort sollten wir den Kaffee eigentlich auch lassen. Bei den Spezialisten, die nicht nur die besseren Geräte haben, sondern auch für ein entschleunigtes Ambiente sorgen, in dem wir die edlen Bohnen noch genießen können. Wir machen Ihnen in den nächsten Tagen – wie immer selbst verkostet – Vorschläge, wo sich in Rhein-Main der Muckefuck vom schwarzen Gold scheidet. Wie recht wir haben, sagt Ihnen Ihre Nase meist schon beim Eintreten.

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