Generation Dreissigacker

Dreissigacker

Seit der Jahrtausendwende bereitet der 36-jährige Rheinhesse Jochen Dreissigacker natürliche und unverfälschte Weine mit unverwechselbarem Charakter – und zählt internationale Gastronomiebetriebe wie die von Gordon Ramsay, Kevin Fehling und Tim Raue, das Hotel Burj Al Arab, die Sansibar und das Louis C. Jacob zu seinen Kunden. Nun ist es Zeit für den nächsten Schritt im Generationenprojekt Dreissigacker. Mit seiner Familie und dem Wiesbadener Büro Severain Architekten plant er die ideale Kellerei der Zukunft, um die Herkunft Rheinhessens noch charaktervoller herauszustellen!

»Für unsere neue Kellerei wollten wir nicht irgendeine Halle auf der grünen Wiese, sondern ein nachhaltiges Bauwerk: Die Dachkonstruktion besteht aus Holzbindern und ist extensiv begrünt, die Heizung wird mit getrocknetem Trester befeuert. Und mit der Photovoltaik-Anlage sichern wir unseren Eigenbedarf an Strom. Ressourcenschonung bedeutet bei unserem Konzept auch, den Baukörper teils in den Hang zu bauen, quasi ins Erdreich hineinzuschieben, damit der umliegende Boden für die perfekte Klimatisierung sorgt.« Jochen Dreissigacker ist sichtlich stolz auf sein Weinwunderwerk: »Natürlich ist der Neubau eine enorme Investition für unsere Familie. Aber er zeigt auch, wie wichtig uns die Qualität ist und wie sehr wir uns als Generationenwerk aufeinander verlassen können. Meine Eltern haben mir das Weingut übertragen – vielleicht übernehmen es meine zwei Söhne einmal. Dafür möchte ich heute schon den Grundstein legen.«

»Es gibt Weine, die ohne Herkunft auskommen. Wir können sie trinken, aber sie lösen nichts in uns aus. Gar nichts. Zum Glück Ist Jochen Dreissigackers ›Weinwunderwerk‹ anders!«

Manfred Lüer

Es gibt Weine, die ohne Herkunft auskommen. Wir können sie trinken, aber sie lösen nichts in uns aus. Gar nichts. Die mögen blitzblank und gut gemacht, heiter und fruchtig sein, aber von diesen harmlosen Durstlöschern haben wir genug. Sie können überall wachsen, an fast jedem beliebigen Ort, teils lassen sie nicht einmal den Cool Climate schmecken. Ganz anders als die Weine von Dreissigacker, die unter diesen ubiquitären Allerweltsweinen wie eigene Universen wirken. All die Möglichkeiten, Nuancen, Aromen, die ein Wein haben kann, möchte Jochen Dreissigacker erkunden. Noch schonender keltern, noch präziser und akribischer sein, in noch kleineren Gebinden, um noch selektiver auszubauen und noch mehr Profil herauszuarbeiten. So werden aus Weinen Gefühle in Flaschen!

Ein warmer, trockener Winzerort mit der berühmten romanischen Pfeilerbasilika St. Lambertus am alten Pilgerpfad. In Lagen wie Rosengarten, Geyersberg, Hasensprung und Stein fangen nicht nur die Burgunder Feuer, sondern strahlen auch die Rieslinge voller Saftigkeit: animierend, dicht, aber auch finessenreich und ein wenig süß von der Reife. Es ist ihre Üppigkeit, die hier das Rebenmeer besonders hoch wogen lässt. Die Gutshöfe sind großzügig, die Gassen verwinkelt und voller Geschichte. Wanderwege bieten herrliche Ausblicke auf Worms, den Donnersberg und den Odenwald. Hier leben Pionierfamilien wie Dreissigacker, die dem Land der tausend Hügel einen neuen Horizont verleihen. Und Bollwerke gegen die Infantilisierung des banalen Geschmacks errichten.

Die neue Kellerei – nicht irgendeine Halle auf der grünen Wiese, sondern ein nachhaltiges Bauwerk!
Die neue Kellerei – nicht irgendeine Halle auf der grünen Wiese, sondern ein nachhaltiges Bauwerk!

Und so beginnt die eigentliche Geschichte mit dem 2003 noch völlig unbekannten Jungwinzer, der gerade den ersten Jahrgang kelterte, die besten Trauben aus irrwitzig niedrigen Erträgen aufwendig in einer alten Korbkelter mahlte und sich damit im Spätherbst die Nächte um die Ohren schlug. Damals vermieteten die rührigen Eltern noch Gästezimmer und noch deutete nichts darauf hin, dass die Geschichte von Bechtheim in den nächsten Jahren neu erzählt werden würde. Jochen Dreissigacker machte sich auf, solch hervorragende Lagen wie Hasensprung, Rosengarten und Geyersberg wieder salonfähig zu machen. Historisch ist der warme Geyersberg mit seinen karbonatreichen Lössböden in Bechtheim die Starlage. In den Kernlagen besitzt Jochen heute stattliche acht Hektar, kann also viel spielen – und auch von den ältesten Stöcken wirkliche ›Legenden‹ keltern. Der üppig-exotische ›Rosengarten‹ duftet auch wirklich opulent danach Rosen, zeigt eine fast muskatige Traminernote und stilvolle Würze, während der ›Hasensprung‹ kühl, salzig und sogar minzfrisch ist.

Bechtheim ist jedoch auch Burgunderort, vor allem in der kühleren Plateaulage Stein. Der Weißburgunder ›Einzigacker‹ zeigt festen Kern und wunderbar feinkörnigen Gerbstoff, ein raffiniertes Säurespiel, animierende Birnen- und Steinobstfrucht sowie stilvolle Blütennoten. Auch beim Holzeinsatz hat der Mittdreißiger Fortschritte gemacht; er bezieht beste 2010er-Stückfässer von Stockinger und der Neubau garantiert ihm gleichmäßig temperierte Lagerbedingungen für die rund 150 Tonneaus (500 Liter) und Barriques (225 Liter). Davon profitieren enorm die Chardonnays, die jetzt eine noch feinere Aromenspur zeigen, die das Mineral förmlich einhüllen. Solch cremige Weintextur ist außergewöhnlich in Bechtheim; die Kunst ist, sie durch puristische Eleganz sensibel einzufangen. Genau das braucht Zeit, zur Entfaltung, zur Charakterbildung. Und da wären wir auch bei der Gretchenfrage in Rheinhessen. Viele der neuen, aufregenden Weine von hier haben ohne Frage Potenzial – aber es fehlt oft an Raum und Zeit dafür. Viele Winzer haben beides nicht und verkaufen alles viel zu schnell. So scheint die wahre Schönheit Rheinhessen oft nur kurz auf und verglüht als Sternschnuppe.

»Das ist für viele Winzer noch Zukunftsmusik – und auch eine Charakterfrage!«

Hier setzt Dreissigacker nun klare Zeichen: Er gibt konsequent seine besten Weine erst später frei und hat nun auch die entsprechende Lagerkapazität für seine Lagenweine. Morstein, Geyersberg und Kirchspiel kommen erst drei Jahre nach der Abfüllung in den Verkauf! Die ›Legenden‹ sogar noch zwei Jahre später. Das ist für viele Winzer noch Zukunftsmusik – und auch eine Charakterfrage! Denn nur so kann der Konsument in den wahren Genuss kommen. Aber Jochen hat ab 2015 auch noch eine Schippe draufgelegt, hat sich noch energischer in die Kernparzellen reingedrückt, versteht seine Weinberge noch besser. Arbeitet noch akribischer und konzentriert sich darauf, in noch kleineren Gebinden auszubauen, seinen Weinen noch mehr guten Gerbstoff als Gerüst für langes Leben mitzugeben. Restzucker ist ihm ein Gräuel, er setzt als Oxidationsschutz auf Tannin, das nach Jahren köstlich abschmilzt. Zurück bleibt ein glücklich machender Kern aus Würze und Gelbfleischigkeit, oft mit Feuerstein und innerer Kühle. Das Lagenthema ist angekommen!

Der Effekt des ökologischen Weinbaus wird immer spürbarer in der Laubwandgestaltung, immer individueller auf den Weinberg oder das Kleinklima ausgerichtet. Durch gestaffelte Lese etwa im Kirchspiel wird das Tänzerische, Verspielte des Weins mit seinen charakteristischen Zitrus- und Grapefruitnoten noch stärker herausgearbeitet. Der ›Morstein‹ ist inzwischen Dreissigackers Morstein: zuerst durchaus opulent, monumental, aber mit einem Finish, das mich schlicht umhaut. Das Aprikosengeflüster ist auch salzig. Und die ›Aulerde‹, mein Trinkliebling, strotzt nur so vom Saft der alten Reben. Dieses offenherzige Strahlen macht mich einfach an! Dazu kommt der bei hoher Reife so jugendlich frische Bechtheimer – und der Gutsriesling, der Etikettentrinker förmlich verhöhnt, feuert er doch so viel Gutes förmlich an den Gaumen. Wie der 2013er Geyersberg, der jetzt erst den Feuerstein freilegt, und das 2011er Kirchspiel, das nun auf einem Berg von rosa Grapefruits und frisch aufgeschnittenen Zitrusfrüchten tanzt. Das alles sind Weine, die echte Emotionen auslösen. Und beredt vom Charakter ihrer Herkunft sprechen – von Bechtheim, von den Lagen und von ihrem Macher!

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Weingut Dreissigacker

Untere Klinggasse 4–6,
67595 Bechtheim
, 06242 2425
Der Kellereineubau wird voraussichtlich im Mai 2018 eröffnet. Übrigens darf jeder auf dem Weingut selbstverständlich Probieren und Kaufen, sogar den Jahrgang 2016, auch wenn die großen Lagenrieslinge erst 2019 ausgeliefert werden.

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