Gartenlandschaft voller Genuss

Kirche – Kultur – Kulinarik: Dahinter verbirgt sich eine Vision der Verbandsgemeinde Rhein-Selz. Wegweisend nicht nur für Nierstein, Oppenheim und Guntersblum, sondern für ganz Rheinhessen. Endlich werden die Kunstschätze an der Rheinfront in ein prämiertes, innovatives Tourismuskonzept mit Profil gefasst. Landschaft, Leute und Lebensgefühl werden neu erfahrbar: keine Kirchturmpolitik, sondern eine der offenen Herzen – und Kirchen. Aus Rheinhessen wird Liebfrauenland.

Otto Schätzel — ehemaliger Direktor des DLR in Oppenheim
Otto Schätzel — ehemaliger Direktor des DLR in Oppenheim

Er ist rund 1.500 Quadratmeter groß. Der Ruhepol, an dem die Gedanken aufhören, um sich selbst zu kreisen, sich auflösen in der Weite von Rheinhessen. Er ist ein Stück Heimat, Gedächtnis und Erlebnisraum, umgeben von einer historischen Wehrmauer, die teils brüchig und marode geworden ist. Mehrere Hunderttausend Euro soll es insgesamt kosten, rund um die Martinskirche dieses Refugium neu anzulegen, denn hier liegt wohl der Ursprung des ehemaligen Reichsdorfs von Nierstein am Rhein. 

Inzwischen rollen die Bagger zu Bauarbeiten an, Pflanzarbeiten beginnen, selbst Feigen- und Olivenbäume sollen gesetzt werden. Ein großer Teil der Pläne ist finanziert: dank privater Spender und Sponsoren, des EU-Förderprogramms ›Leader‹ und der Kommune. »Das ganze Ensemble wird in ein völlig neues Licht gerückt«, sagt Initiator Otto Schätzel, der ehemalige Direktor des DLR in Oppenheim. Er ist der eigentliche Vater des rheinhessischen Winzerwunders und setzte als Leiter der Weinbaudomäne Oppenheim mit Rieslingen und Silvanern vom Löss, Kalkmergel und Rotliegenden bereits seit 2000 konsequent auf Herkunft. Gut 15 Jahre, bevor sich der Verein ›Maxime Herkunft Rheinhessen‹ gründete.

»Nirgends wird das Thema Innovation so fundiert gespielt wie in Rheinhessen.«

Otto Schätzel

»Die Menschen können sich abseits des Trubels erholen«, sagt Schätzel. »Der Bibelgarten etwa und die offene Kirche werden zur spirituellen Tankstelle. Das Konzept lässt eine neue Zusammenarbeit zwischen Kirchen, Kommunen, Winzergruppierungen, Kulturveranstaltungen und weinkulinarischen Angeboten zu. Mit diesem Netzwerk eröffnet sich eine neue Erlebnis-Qualität, die sich in idealer Weise in die neue Tourismus-Strategie 2025 in Rheinhessen einfügt: WEIN-KULTUR-ERLEBNIS-LANDSCHAFT.« Das ist laut Schätzel ein essenzieller Beitrag zur Identifikation der Bürger mit ihrer Heimat, ihren Weinen, der Landschaft mit den Böden, dem Terroir und der Kultur. Es ist aber auchein konkreter Beitrag zur Qualitäts- und Herkunftsstrategie, die hier seit Jahren das Denken so entscheidend positiv verändert hat. Bei den Vorgesprächen mit potenziellen Teilnehmern wie den Pfarrern und Pfarrerinnen, den Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, den Winzergruppierungen, den Betreibern von Hotels und Restaurants spürte Schätzel viel Akzeptanz, sogar Begeisterung und vor allem die Bereitschaft, mitzumachen.

»Die Menschen können sich abseits des Trubels erholen«, sagt Schätzel. »Der Bibelgarten etwa und die offene Kirche werden zur spirituellen Tankstelle. Das Konzept lässt eine neue Zusammenarbeit zwischen Kirchen, Kommunen, Winzergruppierungen, Kulturveranstaltungen und weinkulinarischen Angeboten zu. Mit diesem Netzwerk eröffnet sich eine neue Erlebnis-Qualität, die sich in idealer Weise in die neue Tourismus-Strategie 2025 in Rheinhessen einfügt: WEIN-KULTUR-ERLEBNIS-LANDSCHAFT.« Das ist laut Schätzel ein essenzieller Beitrag zur Identifikation der Bürger mit ihrer Heimat, ihren Weinen, der Landschaft mit den Böden, dem Terroir und der Kultur. Es ist aber auch etwas trauen und Visionen für erreichbare Ziele entwickeln. »Es ist alles da. Man muss es nur anders denken. So lässt sich Zukunft gestalten«, versichert Schätzel.

Rudolf Felgner
Rudolf Felgner — TSC-Manager der Stabsstelle Tourismus-Service- Center, Verbandsgemeinde Rhein-Selz

›Kirche, Kultur, Kulinarik‹ heißt das so originäre wie originelle Konzept, das er mit TSC-Manager Felgner entwickelte. Drei Ks treffen auf drei Ls: Landschaft, Leute, Lebensgefühl. Und eigentlich sind es laut Felgner sogar sechs Ks, nimmt man Konzerte, Kooperationen und Kommunen hinzu. Da ein konkreter Beitrag zur Qualitäts- und Herkunftsstrategie, die hier seit Jahren das Denken so entscheidend positiv verändert hat. Bei den Vorgesprächen mit potenziellen Teilnehmern wie den Pfarrern und Pfarrerinnen, den Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, den Winzergruppierungen, den Betreibern von Hotels und Restaurants spürte Schätzel viel Akzeptanz, sogar Begeisterung und vor allem die Bereitschaft, mitzumachen.

Es ist wie so vieles in Rheinhessen: Man muss nichts neu erfinden, sondern das Vorhandene nur intelligent zusammenfügen und neu vernetzen. Man muss Emotionen wecken, die Menschen begeistern und zusammenbringen. Aber auch immer, immer wieder Qualität verlangen, sich steckt Musik drin, das verspricht unglaubliche Spannung. ›Das habe ich ja gar nicht gewusst, dass es das hier alles gibt‹ – das werden dann noch mehr Genießer aus Frankfurt, Wiesbaden oder dem Taunus verblüfft anerkennen. 

»Erstmals wird durch den Kooperations-Gedanken Kultur, Regionalität und Tourismus getragen.«

Rudolf Felgner

Alles dreht sich um die Zahl drei: drei Orte, drei Kirchen, drei völlig unterschiedliche Böden. Das weithin berühmte Nierstein bietet schon uraltes Rotliegendes, auf dem sich einst die Saurier sonnten – und eben dieses ganz wunderbare Areal rund um die romanische Martinskirche, wo die Mauern ein fünfeckiges Trapez bilden und wo aus dem ehemaligen Kirchgarten ein Bibelgarten wird: voller Erlebnisqualität.

Dann folgt Oppenheim mit seinem immensen, nach wie vor unterschätzten Kalksteinpotenzial, seinem spektakulären Untergrund, der pittoresken Altstadt und der evangelischen Katharinenkirche, die als schönster Sakralbau zwischen Straßburg und Köln gerühmt wird. In der Tat wirkt die wie mühelos himmelwärts strebende Kirche besonders ausgewogen und vermittelt ein Gefühl von Schutz und Heimat. Etwas Besonderes ist neben der Orgel die sogenannte ›Oppenheimer Rose‹ mit Glasarbeiten aus dem 14. Jahrhundert.

Guntersblum ist der idyllische Wein-Weiler par excellence, bietet historisch wertvolle Lagen, imposante Lössterrassen mit mächtigem Grund und von Ostern bis Oktober ein Füllhorn an gastlichen Höfen. Eine Besonderheit der Evangelischen Kirche Guntersblum (ehem. St. Viktor) sind die Jerusalemtürme‹, die nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem erbaut wurden und eine bemerkenswerte Akustik bieten. Rund 20 Konzerte finden hier jährlich schon statt. 

Klaus Penzer, Bürgermeister der VG Rhein-Selz im Gespräch mit Manuela Rimbach-Sator, Pfarrerin der St. Katharinenkirche in Oppenheim
Klaus Penzer, Bürgermeister der VG Rhein-Selz im Gespräch mit Manuela Rimbach-Sator, Pfarrerin der St. Katharinenkirche in Oppenheim

Ob kulturelle Veranstaltungen wie Orgelkonzerte, Klassik, Jazz, Folk, Lesungen, Diskussionsrunden und Foren in den Kirchen – all das muss integriert werden in ein touristisches Gesamtkonzept und verknüpft werden mit kulturhistorischen Führungen, Wanderungen, Radtouren, die das bereits bestehende Wegnetz wie den Rheinterrassen- oder den Lutherweg noch mehr publik machen. Erschlossen werden auch andere Strecken für Wanderungen oder Radtouren, die mehrere Kirchen miteinander verbinden.

»Ziel ist, dass unser Kulturprojekt auch über Rhein-Selz und Rheinhessen hinaus nachhaltig wirbt.«

Klaus Penzer — Bürgermeister der Verbandsgemeinde

Kultur- und Weinbotschafter, die auch als E-Bike-Tourenführer ausgebildet sind, könnten die Gruppen begleiten. Lokale Gastronomen und Winzer bieten Essen und Getränke bei besonders schönen Ausblicken an. Von einem kleinen Sektempfang vor einer Veranstaltung oder in der Pause über eine Vesper mit rheinhessischen Tapas in den Weinbergen während einer Wanderung oder vor einer Kirche bis hin zu mehrgängigen Menüs in Restaurants – denkbar ist vieles und dank der vielen Partner vor Ort auch leicht umsetzbar.

Das alles soll mit hochwertigen weinkulinarischen Erlebnissen zu einem Gesamtpaket geschnürt werden, das an ein fast schon verschmähtes, kulturelles Profil von Rheinhessen rührt: nämlich das Liebfrauenland. Kirche und Kommunen engagieren sich erstmals gemeinsam für eine neue touristische Erlebnisqualität und öffnen sich auch für den Genuss. Das ist eine »vergessene und übersehene Eigenschaft dieser Landschaft«, wie Mentalitätsforscher Volker Gallé weiß:»sanfte Hügel, weiter Blick, fruchtbares Land, in dem Milch und Honig fließen. Das wussten schon die Stauferkaiser, die auch deshalb hier besonders viele Reichstage abhielten.« Und: »Eine solche Gartenlandschaft kann Rheinhessen sein, wenn die liebe Frau neben den spöttischen Narren und den nüchternen Handwerker tritt.«

Die liebe Frau also. Einst Sinnbild für süße Milch, dann für bittere Tränen. Jetzt lächelt sie wieder zurück!

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