Drinnen geht es ums Ganze

Wiesbadener haben ein Privileg - findet unsere Autorin Miriam Becker. Und zwar das Landesmuseum inmitten ihrer Stadt. Dort können Besucher mit einem Ticket sowohl profilierte Kunstsammlungen als auch eine der großen wissenschaftlichen Naturkundesammlungen Hessens bewundern. 

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Insgesamt finden im Jahr elf bis 15 Ausstellungen zur Kunst und Natur statt, auch parallel

»Der Charakter der Eingangs­fassade des Gebäudes von Theo­dor Fischer ist aus­gesprochen zurück­haltend«, beschreibt Dr. Alexander Klar das Museum Wiesbaden, dessen Direktor er ist. »Aber drinnen geht es ums Ganze.« Wer die gut 100 Jahre alten Stufen des klassi­zistischen Ge­bäudes erklimmt, begegnet unterwegs einem muskel­bepackten Stein-Goethe mit Adler unterm Arm. Natürlich: Auch hier ist er schon gewesen – in den Jahren 1814/15 zur Kur – und hat seine Spuren hinter­lassen. Glück für Wiesbaden, denn bei seinem Aufent­halt begeisterte Goethe Bürger der Stadt für den Erwerb von Kunst­werken, Alter­tümern und Naturalien, um sie der Öffent­lichkeit zugänglich zu machen. Daraus entstanden drei Museen mit statt­lichen Sammlungen, die die Stadt im Jahr 1973 dem Land Hessen übereignete.

 

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Dr. Alexander Klar

Heute sind die Exponate aus einem Zeitraum von der Prä­historie bis zur Gegenwart in dem rundum modernisierten Landes­museum zu sehen. Alexander Klar ist begeistert vom Potenzial der Samm­lungen: »Ich entdecke immer wieder Neues in unseren Depots«, sagt der Direktor und betont: »Die Schätze des Hauptstadt­museums sind unser aller Besitz.« Die hauseigene Restaurierungs­werkstatt sorgt dafür, dass die Kunst­werke erhalten bleiben, ebenso wie Tier­präparatoren die naturkundlichen Exponate vor dem Verfall bewahren und neue Präparate herstellen. Es gibt viele gute Gründe, diese Besitztümer des Landes immer wieder zu besuchen. Allerdings ist stets nur ein Bruchteil davon auf der 7.000 Quadratmeter großen Fläche präsent. Der Rest schlummert in den Depots. Auf rund eine Million Organismen – inklusive Insekten – kann das Museum zurück­greifen, wenn es die naturkundliche Dauer­ausstellung aktualisiert oder in Sonder­ausstellungen ausgewählte Tiere zeigt. Ebenso wartet ein Großteil der Skulpturen und Gemälde auf die nächste Ausstellung; insgesamt finden im Jahr elf bis 15 Aus­stellungen zur Kunst und Natur statt, auch parallel. Das breite Spektrum der Wiesbadener Kunst­sammlungen mit Werken vom Mittel­alter bis hin zur zeit­genössischen Kunst bietet viel Abwechslung. Dr. Jörg Daur, Kustos für moderne und zeitgenössische Kunst, erklärt: »Uns ist es wichtig, immer neue Anreize für einen Besuch unseres Museums zu geben. Ein gutes Beispiel dafür sind die Werke von Alexej von Jawlensky. Wiesbaden verfügt über die be­deutendste Sammlung von Gemälden des Wahl-Wiesbadeners. Viele Besucher von außerhalb kommen deswegen extra hierher. Auch die Ein­heimischen können Jawlensky immer wieder neu entdecken, weil wir seine Arbeiten ständig neu kombinieren und präsentieren.«

 

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Auch die naturkundlichen Exponate präsentieren sich wie Kunstwerke, beispielsweise in Dioramen zu wundervollen Farbfamilien kombiniert. Die hauseigenen Tierpräparatoren des Museums Wiesbaden pflegen einen besonderen Stil, mit dem sie die Schönheit der Tier­welt sichtbar machen und so zu deren Schutz bei­tragen wollen. Ihre Arrangements vermitteln nicht nur die Faszination der Arten­vielfalt, sondern zeichnen sich durch besondere Ästhetik aus – ein augenfälliger Unter­schied zu anderen natur­kundlichen Ausstellungen. Viele der präparierten Tiere stammen aus heimischen Gefilden, wie der Wolf aus der Wiesbadener Fasanerie, der bis zu seinem Tod durch Altersschwäche das Rudel anführte. Zudem geht ein umfangreicher Fundus an Exemplaren aus Süd­ostasien und Zentral­afrika auf Beziehungen von Nassauer und Wiesbadener Bürgern ins Ausland zurück. Zum Marken­zeichen ist inzwischen der imposante Eisbär geworden, eine Neu­erwerbung des Hauses zur Wieder­eröffnung im Jahr 2013 nach der Modernisierung.

»Die Schätze des Hauptstadtmuseums sind unser aller Besitz.«

Dr. Alexander Klar

Der Museums-Shop und das Café Jawlensky laden nach einem Rundgang zum Verweilen ein. Von keinem Besucher ausgelassen wird der Blick in das runde Becken der Installation ›Jupiter im Oktogon‹, das im Atrium steht und mit Spiegeln auf kunstvolle Weise die goldene Achteck-Kuppel reflektiert. Das Werk hatte Rebecca Horn bei einer Einzel­ausstellung in Wies­baden installiert, nachdem sie mit dem Jawlensky-Preis der Stadt Wiesbaden ausgezeichnet worden war. »Die Installation haben wir für unser Haus erworben«, berichtet Daur. Denn zu den Aufgaben des Landes­museums gehört auch, die Samm­lungen ständig weiter­zuentwickeln. »Die europäische und amerikanische Moderne gehört zu den profiliertesten Sammlungen des Hauses«, so der stellvertretende Museumsdirektor. »In diesem Jahr haben wir Richard Serra mit dem Jawlensky-Preis ausgezeichnet und so Werke eines etablierten Künstlers mit Weltruf hier nach Wiesbaden holen können.«

Auf die Frage, was das Wiesbadener von den Landes­museen in Darmstadt und in Kassel unterscheidet, antwortet Klar: »die präzise Art der Präsentation«. Dabei sind dem Kunst­historiker Modernität und Beweg­lichkeit wichtig. »Wir stellen Kontexte zwischen Kunst und Natur her«, erklärt er. »Und wir laden Besucher zum Dialog ein.« Damit stellt sich der Direktor gegen das Vorurteil ›Kunst ist für die Elite, Naturkunde fürs Volk‹. Das Museum Wiesbaden verknüpft beides miteinander. Hier geht es tatsächlich ums Ganze.

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Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur

Friedrich-Ebert-Allee 2,
65185  Wiesbaden,
0611 3352250
  • Di & Do 10 – 20
  • Fr-So 10 – 17
  • Feiertag 10 – 17

Montag geschlossen

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