Die Freiheit der Mode

Dirk Becker im Gespräch mit Matthias Wagner K, Direktor des Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Foto: Pro Hijab Ibtihaj Muhammad, Säbelfechterin / fencer Fotoserie von / Shot by Rick Guest @ East 2017 © Nike, Inc.

 

Herr Dr. Wagner K, die Ausstellung ›Contemporary Muslim Fashions‹ sorgte bereits in San Francisco für Furore. Furor kommt vom Lateinischen ›furere‹ für ›toben‹, ›rasen‹, ›wüten‹. Was macht die Menschen so wütend?

Ich halte mich lieber an einer neuzeitlichen Begriffsdeutung und möchte eher von ›Aufsehen‹ oder ›gesteigertem Interesse‹ sprechen. Und ja, das Ausstellungsthema sorgte im Vorfeld neben großer Neugierde auch für hitzige Debatten. Verstärkt wird dies durch die Sozialen Medien, in denen sich anonym wunderbar hetzen und Hass verbreiten lässt. Das ist die eine Seite. Die andere zeigt, dass es eine äußerst lebendige und differenzierte Diskussionskultur gibt, bei der es oftmals um neue Perspektiven geht. Vor allem dann, wenn diejenigen zu Wort kommen, die es auch tatsächlich betrifft; in unserem Fall die zumeist muslimischen Designer*innen oder Trägerinnen dieser vielseitigen Mode. Mithin untermauern mehr als 20.000 Besucher*innen allein im ersten Monat der Schau das große Interesse am Thema.

Wir haben Freiheit zum Titelthema gemacht: Ist die muslimische Mode tatsächlich Mode und Ausdruck einer Freiheit oder ist sie repressiv und eine Spielart der Unterdrückung?

Max Hollein, der Initiator und heutige Direktor des Metropolitan Museums in New York, brachte dies auf den Punkt, wenn er sagt: »Mode ist die extrovertierte Ausdrucksform eines kulturellen Zustands. Der Rest ist eine Frage der Perspektive«.›Modest Fashion‹, die in der Ausstellung präsentiert wird, trägt natürlich religiöse, aber eben auch gesellschaftliche, soziale und politische Aspekte in sich. Die Schau feiert diejenigen Frauen, die die Art und Weise, wie sie sich als muslimische Frauen durch Kleidung ausdrücken wollen, als individuelle Entscheidung verstehen und für die dies Selbstermächtigung und Befreiung von patriarchalischen Strukturen bedeutet. Denn es ist leider auch eine Realität, dass sehr viele muslimische Frauen nicht die Freiheit haben zu entscheiden, wie, wann und ob sie Teile ihres Körpers bedecken wollen. Daher ist diese Ausstellung ein guter Anlass, um über Tradition, kulturelle Identität, Gender, Nachhaltigkeit, Politik und Gleichberechtigung zu sprechen. Aufgrund der Einschränkung von Freiheitsrechten für Frauen, die von einem fundamentalistischen Islam ausgeht, helfen pauschale Urteile wie: »Das Kopftuch ist die Flagge des politischen Islam« nicht weiter. Im Gegenteil, sie bedienen Klischees, fördern Ressentiments und spielen den Vertretern der Scharia-Gesetze und rechten Kreisen in die Hände. In unserer freiheitlichen, säkularisierten Demokratie bietet das Grundgesetz den Gläubigen Schutz; was nicht heißt, dass nicht nachjustiert werden muss, wenn die Einflüsse von Religionen oder religiösen Doktrin zu Parallelgesellschaften mit antidemokratischen Strukturen führen. Daher ist es wichtig, etwa muslimische Frauen zu stärken, die Modest Fashion nutzen, um sich in Bezug auf ihren kulturellen Hintergrund, ihren Lebenskontext und ihren persönlichen Glauben zu emanzipieren.

Contemporary Muslim Fashions
Contemporary Muslim Fashions
Contemporary Muslim Fashions

Foto: Pro Hijab Ibtihaj Muhammad, Säbelfechterin / fencer Fotoserie von / Shot by Rick Guest @ East 2017 © Nike, Inc.

 

Die Ausstellung nach Frankfurt zu holen braucht Mut. Ist es die Aufgabe von Kunst und Museen, mutig zu sein?

Für mich ist ein Museum ein Möglichkeitsraum, der Ort für öffentliche Reflexivität und Aushandlungsprozesse im Widerstreit von Formen, Normen und Vorstellungen. Da Muslime 1,4 Milliarden Menschen der Weltbevölkerung ausmachen, erschien es dem Fine Arts Museum in San Francisco als auch uns, dem MAK in Frankfurt als eine eklatante Auslassung, dass das Phänomen der zeitgenössischen muslimischen Mode noch nicht von einer großen Institution beleuchtet wurde. Grundsätzlich halte ich einen entschlossenen Widerstand gegen reduktive Systeme der Analyse – seien es formelle, begriffliche oder kognitive – sowie gegen hegemoniale Zuschreibungen und Definitionen als Voraussetzung für eine Tätigkeit als Ausstellungsmacher und Museumsdirektor.

Foto: Tanya Habjouqa - aus der Serie Occupied Pleasures

 

Oder ist es die Kunst der Provokation? Denn keine Reaktion scheint nicht vorhersehbar gewesen zu sein, wenn man den letzten Nerv eines ansonsten sehr indifferenten Öffentlichkeitsbetriebes trifft.

Dass das Thema Modest Fashion oder das stark kritisierte Kopftuch in manchen Teilen der Welt und teilweise in Haushalten in Deutschland die Unterdrückung der Frau bedeutet, ist uns und dem Museum in San Francisco klar. Dennoch erschien es den Ausstellungsmacher*innen und uns sehr wichtig, dieses Modephänomen zu beleuchten und damit auch das stereotype Bild von der muslimischen, dunkel gekleideten und verhüllten Frau aufzubrechen. Die Kuratorinnen haben mit der Schau sehr viele Länder in den Blick genommen, ermöglichen uns also über den ›Tellerrand‹zu sehen und konfrontieren uns neben der präsentierten Kleidung selbst mit sowohl fotografischer Kunst als auch Fernsehbeiträgen und Social-Media-Quellenmaterial von Frauen, die gegen den vorherrschenden Status quo protestieren – einschließlich des obligatorischen Hijab.

Foto: Al-Badry - Gucci #VI 2018

 

So fotografiert zum Beispiel der irakisch-amerikanische Fotograf Wesaam Al-Badry Frauen in eigens gefertigten Nikabs aus Seidenschals von Marken wie Chanel oder Valentino, um auf das Konsumverhalten vieler Frauen als kurzweilige Ablenkung von ihrer eigentlichen Unterdrückung zu verweisen. Die iranische Fotografin Hengameh Golestan zeigt ihre Fotografien von Protesten iranischer Frauen gegen das Verschleierungsgebot im Jahr 1979 im Iran zusammen mit einem berührenden aktuellen Video gleichen Inhalts aus dem Jahr 2017. Diese und andere Werke in der Ausstellung fordern dazu auf, sich kritisch mit den Realitäten auseinanderzusetzen.

Foto: Shereen Sabet für SPLASHGEAR

 

Ein deutscher Schriftsteller schrieb vor circa 25 Jahren: ›Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört‹. Wie intellektuell ist die Diskussion um ihre Ausstellung heute? 

Nun, ich denke, dass wir hier keinen Diskurs über die Gesinnung von Botho Strauß führen wollen, noch kenne ich den Kreis jener Intellektuellen, auf die er sich bezieht. Ich halte es da lieber mit dem amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz, der immer wieder deutlich machte, wie wichtig die Begegnung mit anderen Kulturen ist, um das ›Bedeutungsgewebe‹der Kultur, in der man selbst lebt, überhaupt verstehen zu können. Es sind Reisen, die bilden, das Verlassen der eigenen Komfortzone, das wichtig ist, um den Wert von Vielfalt und Vielheit schätzen zu lernen, um ein eigenes Urteilsvermögen auszubilden. Das Diskutieren auf einem informierten, differenzierten und respektvollen Niveau ist es, was ich mir als Museumsleiter wünsche.

 

Herr Dr. Wagner K, wir danken für das Gespräch.

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Museum Angewandte Kunst

Schaumainkai 17,
60594 Frankfurt
Die Ausstellung Contemporary Muslim Fashions läuft noch bis zum 1. September 2019.

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