Das Alphabet der Gerüche

»Zehntausend, hunderttausend spezifische Eigengerüche hatte er gesammelt und hielt sie zu seiner Verfügung, so deutlich, dass er sie tatsächlich roch, wenn er sich ihrer wiedererinnerte. Es war, als besäße er ein riesiges selbsterlerntes Vokabular von Gerüchen. Am ehesten war seine Begabung vielleicht der eines musikalischen Wunderkindes vergleichbar – mit dem Unterschied freilich, dass das Alphabet der Gerüche ungleich größer und differenzierter war als das der Töne.«

Bildcollage von Früchten

Derart finden wir in Patrick Süßkinds Roman ›Das Parfüm‹ seinen Helden beschrieben. Die flüchtigen Botenstoffe der Natur kündigen uns zum Beispiel mit den nur für wenige Wochen duftenden Veilchen den Frühling an. Oder denken Sie allein an das Aroma eines Pinienwaldes in der Gluthitze eines Augusttages. Schon sind Sie dort! Düfte sind der Lage, uns im Geiste zurück an den Ursprung früherer Geruchserlebnisse zu versetzen. Tatsächlich verknüpfen sich Düfte in einem bislang kaum erforschten Maße mit unseren Erinnerungen. Und zwar viel direkter und umfassender als unsere übrigen Sinne, weil unser Duftgedächtnis vorsprachlich und archaisch ist: ›Déjà senti‹, schon gerochen, würde der Franzose sagen. Ein wahrer Rausch der Düfte erwartet die Palmengartenbesucher in diesem Sommer.

Die Jahresausstellung DUFT beschäftigt sich natürlich vor allem mit den pflanzlichen olfaktorischen Botschaften. An ungewöhnlichen und oft interaktiven Erlebnisstationen entdeckt das geneigte Publikum so die Welt der Düfte und ihrer Wirkungsweisen. Seien es Rose oder Jasmin, Sandelholz oder Zeder, Pelargonie, Zypresse, Zimt, Ingwer, Vanille – jeweils als Blüten, Hölzer, Blätter, Rinden, Fruchtstände oder Harze: Hier dürfen Sie sich selbst gern in Erstaunen darüber versetzen, was Ihnen die aromatischen Naseneindrücke an Erinnerungen und Neigungen erschließen. Denn auch, was Wohlgeruch ist oder nicht, entscheidet sich meist individuell. Mit jedem Atemzug nehmen wir Duftmoleküle auf. Sie betören oder widern an, sie berühren uns im Innersten, wecken angenehme oder unangenehme Erinnerungen, sind zwischenmenschlich Dreh- und Angelpunkt für Attraktion oder Antipathie. Denn selbst die Gene, da sind sich viele Forscher sicher, können wir riechen.

»DUFT bietet also neben dem ästhetischen Erleben auch enorme Erkenntnis und sensibilisiert unser Bewusstsein für Botschaften, auf die wir im Alltag praktisch ausschließlich instinktiv reagieren.«

N.N.

DUFT bietet also neben dem ästhetischen Erleben auch enorme Erkenntnis und sensibilisiert unser Bewusstsein für Botschaften, auf die wir im Alltag praktisch ausschließlich instinktiv reagieren. Zumal die Kosmetisierung der Luft gerade in der Warenwelt immer weiter Einzug hält, um die Kunden in Kauflaune oder Hotel- und SPA-Gäste in relaxte Stimmung zu versetzen. Die Ausstellung DUFT bringt ihren Besuchern Wohlgeruch oder Pesthauch in seiner gesamten sensuellen Bandbreite nahe – in kurzweiligen Exkursen von Parfümerie-Präferenzen über die Jahrhunderte hinweg – kaum zu glauben, welch schwere Aromen dereinst fraulich wirkten! – bis zu neuesten Forschungen dazu, wie die verschiedensten Duftnoten unser Wohlbefinden manipulieren.

Die Jahresausstellung ist überschaubar in 5 Themenkreise gegliedert: Duft und Gestank, Biologie und Chemie, Parfum und dessen Gewinnung, Gesundheit und Duftgärten. Eine Vorlage für das Ausstellungskonzept war die in den Gärten von Schloss Trautmannsdorff in Meran entwickelte Schau ›Himmlische Düfte und Höllengestank‹ aus dem Jahr 2010. Ein Beispiel, dem das Ausstellungsteam des Palmengartens kongenial folgt. VivArt lädt Sie ausdrücklich ein, auch Ihr Talent für das Alphabet der Gerüche zu erproben, misstrauisch und aufmerksam zu werden, um die Botschaften Ihrer Nase zu Ihrem eigenen Gewinn enträtseln zu können.

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Palmengarten

Siesmayerstr. 61,
60323  Frankfurt am Main,
  • Mo-So 9 – 18

Die Schau DUFT – Natur und Kultur wurde vom 22.5. – 21.9.2014 in der Galerie am Palmenhaus gezeigt

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