[AN-]SICHTEN

Die DZ BANK Kunstsammlung zeigt noch bis zum 6. Januar 2018 in ihrer aktuellen Ausstellung ›[AN-]SICHTEN. Vom Umgang mit der Wirklichkeit‹ 28 Arbeiten von dreizehn internationalen Künstlern, welche unsere Wahrnehmung gleich in mehrfacher Hinsicht infrage stellen. Vielleicht ist die Welt doch nicht das, was sie scheint zu sein? Somit handelt es sich nicht nur um eine Ausstellung, sondern eine Fragestellung, auch nach der Bedeutung von Kunst in der Jetztzeit. Unbedingt sehenswert und diskussionswürdig!

David Hockney, »Roses for Mother« December 4th 1995, 1995
David Hockney, »Roses for Mother« December 4th 1995, 1995

Der Titel ›Vom Umgang mit der Wirklichkeit‹ impliziert, dass es so etwas wie eine Wirklichkeit für alle gäbe. Doch weit gefehlt. Man muss weder Künstler noch Philosoph sein, um zu verstehen, dass die Welt unendlich viele Wirklichkeiten bietet. Fast essayistisch sind also die Arbeiten, die sich in einem Spannungsfeld zwischen vermuteter Wirklichkeit und scheinbarer Realität bewegen. Die Ausstellung kann nur einige Momentaufnahmen oder Facetten präsentieren, da das Ganze nicht zu zeigen ist. Die von Thomas Rietschel, ehemaliger Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, kuratierte Ausstellung aus Werken der DZ BANK Kunstsammlung zeigt somit auch die Ausweitung einer Diskussion um die Deutungshoheit einer Realität, und verweist in seiner Eröffnungsrede auf den offenen Umgang mit ›der einen Wahrheit‹ in der Kunst. Vertreten sind Fotoarbeiten aus der Sammlung von Gregory Crewdson, Thomas Demand, VALIE EXPORT, Joan Fontcuberta, Anton Henning, David Hockney, Barbara Klemm, Rosemary Laing, Louise Lawler, Ville Lenkkeri und Helen Sear sowie Neuerwerbungen von Barbara Probst und Michael Schäfer. 

Bild
Joan Fontcuberta, Typhatata Ppulcra, aus der Serie: Herbarium, 1982

Man muss weder Künstler noch Philosoph sein, um zu verstehen, dass die Welt unendlich viele Wirklichkeiten bietet.

Thomas Rietschel empfiehlt, die Ausstellung als kleine Übung im vielfältigen Umgang mit der Wirklichkeit zu sehen und stellt die zehnteilige Arbeit ›Exposure #56, NYC, 428 Broome Street, 06.05.08, 1:42 p.m.‹ von Barbara Probst (*1964 in München) ins Zentrum. Darin zeigt die Künstlerin eine Szene, die zur selben Zeit von zehn im Raum verteilten Kameras aus zehn Perspektiven gleichzeitig fotografiert wurde. Alle nehmen einen anderen Ausschnitt derselben Szene auf. Doch statt einen umfassenden Eindruck der Realität zu erhalten, entfernt sich damit der Betrachter von der einen Wirklichkeit.

Pressefotografien sind der Versuch, eine größtmögliche Annäherung an die Realität zu schaffen und sollen Zeitgeschehen dokumentarisch abbilden. Barbara Klemm (*1939 in Münster) war von 1970 bis 2005 Redaktionsfotografin der FAZ. Ihr gelingen Bilder, die sich als Schlüsselmomente der Geschichte ins kollektive Bildgedächtnis einprägen. Und dennoch ist ihre Perspektive auf die politische Landschaft immer wieder ihre sehr persönliche. Auch Thomas Demand (*1964 in München), der 1997/98 Stipendiat der DZ BANK Kunstsammlung war, hat einen Bezug zur Pressefotografie: Er baut berühmte Tatort- und Pressefotografien detailgetreu aus Papier nach, um sie dann zu fotografieren. Die Arbeit ›Büro‹ bezieht sich auf ein Zeitungfoto vom 15. Januar 1990, als Bürger der liquidierten DDR das Hauptquartier der Staatssicherheit in Berlin stürmen. Überall im Büro liegen durchwühlte Akten und Blätter, die im Nachbau bei Demand jedoch unbeschrieben sind.

Barbara Klemm, Abwahl des Parteivorsitzenden der SPD Rudolf Scharping, Mannheim, 1995
Barbara Klemm, Abwahl des Parteivorsitzenden der SPD Rudolf Scharping, Mannheim, 1995

Das Bildmaterial aus dem Internet, das Michael Schäfer (*1964 in Sigmaringen) als Ausgangsbasis dient, stammt oft vom Portal ›LiveLeak – Redefining the Media‹, das Videos von Betroffenen und Zeugen eines Geschehens zeigt. Die meist aus Kriegsregionen stammenden Bilder bearbeitet er nach und überschneidet sie mit subjektiven Alltagssituationen. Als derart umdefinierte Vorlagen schleust er sie erneut in die Bilderflut ein. Ville Lenkkeri (*1972 in Oulu, Finnland) beschäftigt sich mit der Tatsache, dass der Mensch Gefallen daran hat, sich selbst Realität vorzuspielen. In den simulierten Wirklichkeiten, die er etwa in Dioramen in Naturkundemuseen oder Wachsfigurenkabinetten fotografiert, verstärkt die Anwesenheit einer Person das raffinierte Spiel zwischen Realität und Fiktion. Die großformatigen Fotoarbeiten des amerikanischen Künstlers Gregory Crewdson (*1962 in Brooklyn, New York, USA) werden oft als unheimlich und mysteriös beschrieben. Der Künstler betont, dass seine Bilder von einer Psychologie beeinflusst sind, die auf Sigmund Freuds Aufsatz ›Das Unheimliche‹ (1919) zurückgeht. In seinen aufwendigen Inszenierungen, die wie Filmstandbilder wirken, ist kein Detail zufällig, keine Pose und Geste unbeabsichtigt.

Michael Schäfer, ohne Titel, aus der Serie: Invasive Links, 2016
Michael Schäfer, ohne Titel, aus der Serie: Invasive Links, 2016

Louise Lawler (* 1947 in Bronxville, New York, USA) zeichnet in ihrer Arbeit ›Add To It (E)‹ die Entwicklungen und Wechselwirkungen zwischen Fotografie und Malerei nach. Durch das Ablichten von Kunstwerken unter Einbeziehung des Ortes thematisiert Lawler die Wahrnehmung von Kunstwerken. Auf der ersten Ebene fotografierte sie die Hängung einer eigenen Arbeit in einer Ausstellung 2003 im Portikus Frankfurt. Auf dieser Fotografie ist Gerhard Richters ›Ema – Akt auf einer Treppe‹ von 1966 auf dem Boden gegen die Wand gelehnt im New Yorker MoMA zu sehen. Richter wiederum wurde zu seinem Bild durch Marcel Duchamps Malerei ›Akt, eine Treppe herabsteigend Nr.2‹ aus dem Jahre 1912 inspiriert. Und Duchamp bezieht sich auf Eadweard Muybridges Serienfotografie ›Woman Walking Downstairs‹ von 1887. Ähnlich wie Lawler stellt auch David Hockney (*1937 in Bradford, England) Malerei und Fotografie einander gegenüber. Er präsentiert auf seiner Fotografie eine Vase mit Blumen neben einem Gemälde, welches nahezu exakt dasselbe Motiv wiedergibt. Insgesamt sind diese 28 Arbeiten pars pro toto der Beweis, dass die Welt in einzelne An-Sichten zerfällt, da ein Bild vom Ganzen nicht zu haben ist. Wer sich als Betrachter darauf einlässt, sieht dennoch mehr von der Welt. 

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[AN-]SICHTEN  Vom Umgang mit der Wirklichkeit
29. September 2017 – 6. Januar 2018
 

ART FOYER
DZ BANK Kunstsammlung
Platz der Republik
60265 Frankfurt am Main

Eingang: Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage

Tel +49 69 7447-99144 | kunst@dzbank.de
www.dzbank-kunstsammlung.de

Öffnungszeiten:
Di., Mi., Fr., Sa. 11.00 bis 19.00 Uhr
Do. 11.00 bis 20.00 Uhr
Eintritt frei

Podiumsdiskussion »Vom Umgang mit der Wirklichkeit«:
Do. 16.11.2017 um 18.00 Uhr
Gregor Ade (Brand Consulting)
Gerhart Baum (Politiker)
Barbara Klemm (Künstlerin)
Michael Schäfer (Künstler)
Moderation von Felix Hoffmann (Kunsthistoriker und Hauptkurator C/O Berlin Foundation).
Mit einem Impulsvortrag von Thomas Rietschel

Kuratorenführungen:
Di. 31.10.2017 um 15.00 Uhr mit Thomas Rietschel
Fr. 24.11.2017 um 17.30 Uhr mit Dr. Christina Leber
Do. 21.12.2017 um 19.00 Uhr mit Thomas Rietschel

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