Winter im Sommer

Ein Alpen­cross mit dem Mountain­bike von Garmisch nach Garda ist nicht ungewöhnlich. Insbesondere Männern scheint der Trip ein Gefühl von Freiheit und Boden­ständigkeit zurückzugeben. Doch wer sich im hochalpinen Raum bewegt, muss mit der einen oder anderen Überraschung rechnen und darf dann auch nicht weinen. Dirk Becker über die erneute Sinn­suche auf fast 3.000 Höhen­metern und das Gefühl, dass die Berge vielleicht doch nicht für uns Menschen gemacht sind.

Wenn man sich mit dem Radfahren beschäftigt und die Berge liebt, gibt es kaum etwas Schöneres, als entspannt von Deutschland über die paar Hügel links und rechts des Tals, in dem schon Karl der Große unterwegs war, nach Italien zu rollen. Doch was sich so entspannt anhört, sollte nicht ganz ohne Vor­bereitung betrieben werden. Es gibt Menschen, insbesondere Männer, die, um ihren Körper und Geist für solch eine Tour auf Vorder­mann zu bringen, zehn Stunden und mehr in der Woche auf dem Rad verbringen. Und tatsächlich scheint bei solch ›durch­trainierten‹ Körpern und mit der Fahrerei vertrauten Geistern der Mann mit dem Hammer später zu kommen als bei mir. Wohl­wissend, dass fünf Stunden Sport in der Woche keinen Model-Athleten aus mir geformt haben, buche ich bei Ulp-Tour einem Anbieter aus München, eine Tour, die mich mit meinem 29er-Specialized-Enduro nicht ganz zum Gardasee bringt, sondern nur nach Livignio und zurück. Ungefähr 500 Kilometer und 10. 000 Höhen­meter sollen es dennoch werden. Hinter dem kurzen Namen ›Duo‹ verbirgt sich in Wirklichkeit eine Woche mit zwei Möglichkeiten: Durch­halten oder unentwegt Jammern. Wer Letzteres will, findet viele Gründe: zu hoch, zu schnell, zu hügelig, zu ruckelig, zu steil, zu ...  Doch beginne ich besser mal von vorn:

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Der erste Tour-Tag nach Bürostress und über 400 Kilometern Auto­fahrt zum Ausgangspunkt bringt 100 Kilometer Fahr­freude und über 2.300 Höhenmeter mit sich. Ich akzeptiere das, beschimpfe den Guide Lutz lautlos, da mir dazu ohnehin die Puste fehlt und trete in die Pedale. Am Hotel esse und trinke ich wie ein Bär, den es hier irgendwo auch noch geben soll und schlafe ich wie ein Kind. Tag 2 ist ähnlich gemein, doch bei herrlichem Wetter will man nicht klagen. 2.000 Höhenmeter, weitere 80 Kilometer stehen am Ende auf dem Tacho und weder Körper noch Geist können und wollen noch über Tag 3 nach­denken. Aber dieser folgt gnadenlos und mit: Schnee!?! Ich kann ihn schon in Wiesbaden nicht leiden, aber auf über 2.500 Meter ist er hässlich, böse und lässt nicht nur mein Gehirn, sondern auch Hintern und Füße einfrieren. Die anderen Radler sind perfekt ausgestattet, tragen Winterjacken und lange Hosen, und mir wird langsam bewusst, dass es Sinn macht so eine Tour zu planen und die Tasche nicht in fünf Minuten zu packen. Doch zu spät, und so radle ich mich warm und träume von Sommer­urlaub am Meer. Am Abend in der Sauna taue ich Stück für Stück wieder auf und freue mich, dass ich am Leben bin.

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Tag 4 bringt Entspannung pur. Der Schneefall macht alles Hoch­alpine zunichte und wir fahren herrliche Trails auf den Spuren von Danny MacAskill: Kopfkino vom Feinsten, ohne Verletzte und viel Adrenalin. Wen es interessiert, der schaut unter ›MTB Livigno‹ bei YouTube nach, wie es ungefähr sein muss.

Tag 5 bringt uns schon der Heimat näher. Es geht zurück in die Schweiz; über irgendwelche Orte, die ich nicht mehr erinnern kann. Dafür kenne ich nun großartige Menüfolgen aus dem Vinschgau und weiß, dass es in der Schweiz auch tolle Weine und gutes Essen gibt.

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Tag 6, der letzte Tag auf dem Rad, tut schon fast nicht mehr weh. Der Po existiert als Körper­teil nicht mehr wirklich und die Beine treten nur noch, weil sie es scheinbar nicht besser wissen. Das Körper­wesen Dirk ist an seiner Grenze und das ist gut so. Der Kopf ist voll der Eindrücke, erfüllt von guten Gesprächen, die am Berg in aller Kürze geführt wurden und: ICH BIN GLÜCKLICH!

2017 gibt es hoffentlich die Fortsetzung.

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Veranstalter: Ulp Tours

Bike: Specialized Enduro 29er – ein Traum!
Bremsenservice: Guide Lutz Mende – lebensverlängernd!
Laden: Bike Villa Limburg – die haben mich immer gewarnt!

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